Der Sturz Nikita Chruschschows sollte die Desintegration im Ostblock und im Weltkommunismus aufhalten. Doch schon acht Tage nach dem Scherbengericht vom 14. Oktober mußten die neuen Kremlherren erkennen, daß die Verschwörung das Gegenteil bewirkte. Zum ersten Male, seit die Sowjetunion ihren Herrschaftsbereich bis an die Elbe vorgeschoben hatte, meldeten die Führer der „Satelliten“ öffentlich ihre Zweifel an Moskaus politischer Weisheit.

Nur die Bulgaren – von jeher Moskaus Musterschüler – versicherten den Nachfolge-ZwillingenBreschnew und Kossygin ihr uneingeschränktes Vertrauen. Polens Parteichef Gomulka rühmte Chruschtschows „immense Leistungen und Verdienste“. Ungarns Ministerpräsident Janos Kadar sagte in Budapest, seine Landsleute hätten dem Gestürzten vor kurzer Zeit zu Recht einen begeisterten Empfang bereitet: „Genosse Chruschtschow hat um die Demaskierung des Stalinismus und im Kampf um die Bewährung des Weltfriedens große Verdienste erworben“. Die tschechoslowakische KP registrierte Chruschtschows Absetzung mit „Überraschung Und Bewegung“; von tiefer Bewegung in Partei und Bevölkerung war sogar in der SED-Stellungnahme die Rede. Und bei solchen verbalen Trotzbekundungen ist es nicht geblieben.

Gomulka deutete an, die polnische Partei werde sich nicht an einem Verdammungsfeldzug gegen Chruschtschow beteiligen. Aus jugoslawischen Quellen wird berichtet, Gomulka und Kadar wollten beide den sowjetischen Revolutionsfeiern am 7. November fernbleiben – aus Protest gegen die abrupte und konspirative Art, wie, Chruschtschow abgesetzt wurde. Was immer an diesen Berichten sein mag, auf jeden Fall haben Breschnew und Kossygin sich bereits an der polnisch-sowjetischen Grenze mit Gomulka und Ministerpräsident Cyrankiewicz zu einer Geheimaussprache getroffen. Eine SED-Delegation hat sich nach Moskau begeben.

Nicht minder heftig als die Reaktion der Ostblockparteien war die der kommunistischen Parteien im westlichen Ausland. Italiens KP-Chef Longo erklärte: „Die Art, in der der Wechsel vollzogen wurde, gibt zu Besorgnis und Kritik Anlaß“; eine KPI-Delegation soll in Moskau Beweggründe und Hintergründe herausfinden. Die französische Partei hat drei ihrer Führer in die sowjetische Hauptstadt entsandt, um kategorisch Aufklärung zu verlangen. Weitere kritisch eingestellte Delegationen haben sich aus Dänemark, Österreich und Indien angesagt. Schwedens Kommunisten rügten, die Absetzung Chruschtschows sei „undemokratisch“ und „hinterläßt einen bitteren Geschmack“; die Chilenen nannten den Vorgang schlicht „unverständlich“.

Je klarer es im Kreml wurde, daß der Umsturz die Einheit des kommunistischen Lagers nicht gefördert, sondern beeinträchtigt hat, desto eindringlicher klangen die Rufe nach „Festigung des Zusammenhalts“. Über Nacht stoppte die neue Kremlführung die Entchruschtschowisierungs-Kampagne, die in Betriebsversammlungen und auf Parteiaktiv-Tagungen schon angelaufen war.

Alle Berichte aus Moskau bestätigten: Chruschtschow hatte nichts geahnt. Er wurde abgesetzt, nachdem alle Versuche fehlgeschlagen waren, ihn zu einem halbwegs friedlichen, freiwilligen Abgang zu überreden. In Suslows fünfstündiger Anklagerede wurde Chruschtschow vorgeworfen, er habe das Prinzip der kollektiven Führung flagrant verletzt.

Zwei bisher unbekannte Beispiele:

Im Mai 1964 machte er Nasser eigenmächtig zum Helden der Sowjetunion (welche Auszeichnung nur das Präsidium des Obersten Sowjets verleihen kann), außerdem auch noch Nassers Stellvertreter Amer.

Die sowjetischen Geldreserven wurden von Chruschtschow beinahe erschöpft, so großzügig verteilte er Geschenke und ließ sich auf kostspielige Auslandshilfe-Projekte ein. Extravaganz wurde ihm besonders im Falle Kuba vorgeworfen.

Anscheinend hatte Chruschtschow gehofft, bei den 175 Mitgliedern des Zentralkomitees wieder eine Mehrheit zu finden; er soll schon Säuberungspläne vorbereitet haben, um seine Gegner kaltzustellen und seine freunde (darunter Schwiegersohn Adschubej) zu befördern. Er verteidigte sich vier Stunden lang – offenbar in der zornbebenden Manier jenes alten Chruschtschow, der 1960 in Paris die Weltpresse anbrüllte und in New York mit dem Schuh auf sein UN-Pult trommelte. Es heißt, er habe gedroht, die „ganze Bande einsperren“ zu lassen. Dieser Auftritt schreckte manchen ab, der sonst für Chruschtschow gestimmt hätte; allem Anschein nach waren seine Gegner zunächst in der Minderheit. Aus der Tatsache, daß er einfaches KP-Mitglied geblieben ist, kann man schließen, daß sich die Zweidrittelmehrheit nicht gefunden hat, die für den Ausschluß nötig gewesen wäre.

Es ist noch nicht klar, was der gestürzte Kremlherrscher jetzt treibt, wo er wohnt, wie es ihm geht. Angeblich erhält er eine Monatspension von 1000 Rubel und lebt in einer Dreizimmerwohnung in einem Wohnblock, in dem auch sein alter Feind Molotow Unterkunft gefunden hat. Vorige Woche soll er beim Spaziergang auf dem Lenin-Hügel gesehen worden sein, noch mit Wagen und Chauffeur, aber übelgelaunt.

Nach einem Bericht schreibt Chruschtschow an einem Schriftsatz zu seiner Verteidigung. Nach anderen Meldungen ist er krank – wie der Mann, der die Anklage gegen ihn formulierte: der 62jährige Suslow, den ein altes Nervenleiden und ein Tbc-Rückfall ins Krankenbett zwangen. Mit Rücksicht auf seine angegriffene Gesundheit soll er vor vierzehn Tagen das Angebot abgelehnt haben, an Chruschtschows Stelle Parteichef zu werden.

Von alledem ist den Sowjetmenschen bisher kaum etwas bekannt geworden. Für sie hat die Oktoberrevolution von 1964 bisher vor allem die Aufhebung der Sperrstunde gebracht. Restaurants und Cafés dürfen in Zukunft bis 3 Uhr morgens offenhalten. Zu Chruschtschows Zeiten mußten sie schon um 23 Uhr schließen. Chruschtschow pflegte früh zu Bett zu gehen – und er erwartete, daß es das ganze Volk ihm gleichtue.