London, im November

In Whitehall waren die Protokolle des Tory-Kabinetts kaum in den Stahlschränken verschwunden, die Chefs der neugeschaffenen Ministerien hatten kaum ihre Arbeitsplätze eingenommen und der von den ungeräumten Akten aufgewirbelte Staub hatte sich noch nicht gesetzt, als schon die erste und grundsätzliche Entscheidung gefallen war.

Die Frage lautete: Wird sich Harold Wilson angesichts seiner knappen Unterhausmehrheit gezwungen sehen, das Labour-Programm zu verwässern, alle umstrittenen Maßnahmen – vor allem die Verstaatlichung der Stahlindustrie – unter den Tisch fallen zu lassen, und sich behutsam auf dem Weg der goldenen Mitte vorwärtstasten? Über die Antwort kann heute – nach der Thronrede – kein Zweifel mehr bestehen. Der Labour-Premier hat sich, um Gertrude Steins Wort zu paraphrasieren, auf den Standpunkt gestellt: "Eine Mehrheit ist eine Mehrheit ist eine Mehrheit."

Gerade weil diese Mehrheit so klein ist, daß sie in einem Taxi Platz hat, will er das Eisen schmieden, solange es heiß ist; gerade weil schon ein paar Grippeerkrankungen zum Sturz seiner Regierung führen können, will er sein Programm verwirklichen, solange weder Konservative noch Liberale Neuwahlen riskieren können. Also lautet seine Devise: nicht ängstliche Mäßigung, sondern Kühnheit.

Die ersten zwanzig von Wilsons "hundert dynamischen Tagen" ließen es denn auch an Dynamik nicht fehlen. Der neue Außenminister, Patrick Gordon Walker, flog nach Washington, ohne abzuwarten, bis er wieder dem Parlament angehört – eine für Verfassungspedanten höchst unorthodoxe Situation. Er wurde nicht nur mit Verständnis, sondern geradezu mit Herzlichkeit empfangen. Daß Gordon Walkers erste Aktion nach seiner Ernennung ein Besuch im Weißen Haus war, daß seine erste Erklärung nach seinem Amtsantritt lautete: "Wir betrachten unsere Beziehungen zu den Vereinigten Staaten und die westliche Allianz als die Grundpfeiler unserer Politik" – all das gewann demonstrative Bedeutung in einem Augenblick, da de Gaulle offensichtlich Anstalten macht, sämtliche internationale Bindungen zu zerschlagen.

Die Anzeichen sprechen dafür, daß Gordon Walkers "Aufklärungsflug" ein Erfolg war. Seine ruhige Dozentenart, seine geradezu fühlbare Integrität haben zweifellos dazu beigetragen, daß sich sofort ein guter Kontakt mit Dean Rusk und mit Präsident Johnson herstellte. Noch wichtiger: ‚was Gordon Walker über die Absichten und Vorschläge der Labour-Regierung berichten konnte, dürfte manche Befürchtungen der Amerikaner zerstreut haben.

Die Labour-Führung hatte nie ein Hehl daraus gemacht, daß sie dem MLF-Projekt mit größter Skepsis gegenüberstand. Am 23. Oktober veröffentlichte jedoch die TIMES einen Bericht ihres militärischen Korrespondenten, der die Existenz eines Kompromißplans andeutete. Es war nicht verborgen, daß der Autor dieses Artikels, Alun Gwynne Jones, mit Denis Healey, dem neuen Verteidigungsminister, befreundet ist. Das Interesse, das seine Ausführungen unter diesen Umständen hervorriefen, wurde noch sehr verstärkt, als Gwynne Jones tagsdarauf von Harold Wilson zum Abrüstungsminister ernannt wurde.