Ist es für einen Schriftsteller nützlich, sich mit Problemen der Genetik zu beschäftigen? Gibt es Beziehungen zwischen der Literatur und der Naturwissenschaft? Was ist die Funktion der lyrischen Beschreibung, was das Ziel der biologischen Terminologie? Wodurch unterscheidet sich ein Lexikonartikel über die Rose von einem Gedicht William Blakes, das den gleichen Gegenstand hat?

"Dies sind Fragen, die ich zu beantworten trachten werde", schrieb Aldous Huxley (freilich auf englisch und nicht in papierenem Deutsch) in seinem letzten, allerletzten und vielleicht bedeutendsten Essay; schrieb diesen Satz mit Selbstbewußtsein, der eigenen Belesenheit und des kombinatorischen Witzes gewiß – und beantwortete seine an eine Diskussion zwischen C. P. Snow (dem Romancier und Wilsonschen Staatssekretär) und F. R. Leavis (dem Cambridger Literaturprofessor und prominentesten Snow-Feind) anknüpfenden Fragen in einer Manier, die, so bescheiden sie sich gibt, am Ende die Konturen einer rhetorica nova umreißt –

Aldous Huxley: "Literatur und Wissenschaft", aus dem Englischen von Herbert E. Herlitschka; R. Piper & Co Verlag, München; 143 S., 12,80 DM.

Sofern es dem Leser gelungen ist, das holprige Deutsch in ein ihm vertrauteres Englisch zurückzuverwandeln ("Was mit der Naturwissenschaft des 20. Jahrhunderts anzufangen, würde, künstlerisch gesprochen, einem Dichter oder Schriftsteller des 20. Jahrhunderts von Nutzen sein?"): sobald er also die Betagtheit des Stils nicht dem Autor zur Last gelegt hat, wird er für die Mühen seiner Lektüre mit Einsichten beschenkt, deren Prägnanz sich aus einer ebenso simplen wie fruchtbaren Unterscheidung zwischen informativer und evozierender Sprache ergibt.

Nach Huxleys gut belegter und methodisch streng durchgeführter Grundthese ist die "monothetische" Diktion der Naturwissenschaften, vom Unerlebt-Abstrakten ausgehend und das Maximum an Eindeutigkeit anstrebend, grundsätzlich von jener Sprache der helles lettres zu trennen, der es nicht um formulierbare Gesetze, sondern um verbindliche Sonderfälle, nicht um Normen, sondern um private Affären, nicht um Analogien, sondern um Eigenarten geht, die unauswechselbar sind. Kurzum, Huxley sucht jenes Wechselspiel von Regel und Ausnahme, von wissenschaftlichem Beschreiben der Übereinstimmungen und von poetischer Verklärung des Subjektiv-Konkreten zu analysieren.

Dabei ist es selbstverständlich, daß die Interpretation der literarischen Sprache, der Metapher so gut wie der Syntax oder des Rhythmus, mehr Raum als die Darstellung des sachlichen Informationsstils beansprucht: Geht es da ums Vermeiden aller Nuancen, um plausible Reduktionen und verwertbare Formeln, so kommt es dort gerade auf die Zwischentöne an; der Kontext ist so wichtig wie der Text; die Größen, mit denen man rechnet, heißen Vielgestaltigkeit und Variabilität, kühne Wortverbindungen, heterogene Mixturen (ein Adjektiv und Substantiv, einander fremd, zu aparter Ehe vereint; Persönliches durch objektive Korrelate erhellt: man liebt sich, draußen fällt Regen; Stil und Sujet nach dem Gesetz der coincidentia oppositorum gefügt: die Sommernacht in Moll, der Totentanz in Dur) die Tollheit der Sprache, das Spiel mit Paradoxen und die wechselseitige Erhellung von Allegorie und mot juste sollen jene Wirklichkeiten beleuchten, denen weder mit wissenschaftlicher Nomenklatur noch mit schlichter Nachzeichnung beizukommen ist.

Auf wenigen Seiten – Paragraphensentenzen entwerfend, die an Paveses Tagebuchnotizen erinnern – illustriert Huxley am Beispiel der sexuellen Vereinigung die verschiedenen sprachlichen Näherungsgrade ("Welche Ausdrucksmittel soll der Schriftsteller verwenden? Wissenschaftliche Fachsprache und Abstraktion? Manierliche Umschreibung? Spirituelle Analogien, metaphysisch-lyrische Beredsamkeit? Oder das mot juste? Oder schließlich das gros mot?") – und dieses Wägen der Aktiva und Passiva, dieses Vergleichen von Distanz und Eindeutigkeit, von umschreibender Anspielung und pointierter Direktheit, immer im Vergleich mit dem basic Engiish der Fachsprache gesehen, ist eines der wenigen großen Kabinettstücke moderner Poetik.