E. H., München

Das Fähnlein der sieben Aufrechten ist zusammengeschmolzen. Nur noch sechs Abgeordnete können im Bayerischen Landtag das arg zerzauste Panier der Bayernpartei hochhalten. Der Deputierte Winklhofer aus Niederbayern wechselte zur mächtigen Christlich-Sozialen Union über. Doch nicht so sehr die Treulosigkeit des schon lange verdächtigten Abtrünnigen empörte die Bayernparteiler. Viel mehr erschütterte sie, daß die christliche Bruderpartei den Renegaten aufnahm. Das verursachte einen Sturm im Wasserglas. Einen Augenblick lang schien die Regierungskoalition von CSU und BP in München gefährdet.

Grimmig schallte das gewaltige Organ des Parteigründers Ludwig Max Lallinger. Der Kriminalbeamte der Stadtpolizei München (vom Dienst für höhere; politische Zwecke entbunden) und sein Anhang, der sogenannte liberale Flügel in der Bayernpartei, wollten der CSU die Regierungsfreundschaft aufkündigen. Die Sprengung der bayerischen Koalition wäre allerdings nur als schwacher Bumser hörbar geworden, denn mehr als einen-Staatssekretär stellt die BP-nicht im 15köpfigen Kabinett. So blieb es bei lauter Klage ob der parteipolitischen Heimtücke im Regierungsboot.

Für die Bayernpartei sind die Zeiten eben vorbei, da ein selbstbewußter, gaudimäßig aufgelegter Block von 29 Abgeordneten auf der rechten Seite des Hauses bereit war, als Opposition für rote Köpfe auf der Regierungsbank oder in bestallter Regierung für lautstarke Ministersprüche zu sorgen. Kein Dr. Joseph Baumgartner, einst beredter Minister und schlauer Parteivorsitzender, kann mehr seine Schwüre bei der Patrona Bavariae zum Himmel schicken. Auch Dr. August Geiselhöringer, als Innenminister in manche Abenteuer verstrickt, ist nicht mehr. Vor ihrem Tode sahen sich die beiden kernigen Politiker in der Spielbankaffäre auf die Anklagebank versetzt, wo Schuldsprüche der Justiz politisch günstig mit dem Interesse der CDU zusammentrafen. Auch der "Preußenfresser" Dr. Jakob Fischbacher, der das Unglück erleben mußte, daß in seiner Familie norddeutsche Kinder zur Welt kamen, kann nicht mehr von "Bluatsschand" reden (zur Vermeidung phonetischen Mißverständnisses: "Bluatschand" gleich "blutige Schande", nicht etwa Blutschande).

Dahin sind jene, die das nach dem Kriege in Bayern als dem einzigen Bundesland zweifellos vorhandene Staatsbewußtsein politisch ausmünzen wollten. Keine Massenkundgebung erschüttert mehr den Freistaat Bayern mit dem Ruf nach eigener Außenpolitik und einem Treuegelöbnis zum angestammten Herrscherhaus der Wittelsbacher. Heute ist Konstantin Prinz von Bayern vielversprechender CSU-Landtagsabgeordneten der Chef des Hauses Wittelsbach, Herzog Albrecht, ermuntert keine Anhänger und fordert, schon seinem Wesen nach, nicht zu demonstrativen Geburtstagsfeiern heraus. Das schwarzverhängte Sechsergespann zog 1955 nicht nur die Lafette mit dem toten Kronprinzen Rupprecht zur letzten Ruhe in die Theatiner Hofkirche. Der Trauerkondukt trug eine Ära zu Grabe – die Ära der Restauration bayerischer Eigenstaatlichkeit.

Mit ihr sank auch die Bayernpartei mehr und mehr dahin. Spielte die "bayerische Extrawurst" noch bei der Gründung der Bundesrepublik eine bedeutsame Rolle und galt Bayern einmal als Hüter föderalistischer Tradition im besten Sinne des Subsidiaritätsprinzips, so führt heute das Land fast nur noch ein Schattendasein. Die Abhängigkeit vom Bund, die allmächtige Gewalt der Zentrale sind so stark geworden, daß selbst Parlamentarier im kleinen Kreis zugeben, die meisten Diskussionen im Landtag seien doch nur in den Wind gesprochen. Entschieden werde letzten Endes in Bonn,

Gegen diesen Zug der Zeit stemmt sich auch die Bayernpartei vergebens. Ihre Anhänger rekrutieren sich vornehmlich aus jenen Kreisen der Landbevölkerung, denen die CSU "zu schwarz" ist und die nach dem Grundsatz, "gut katholisch, aber so schwarz wollen wir’s nicht", die CSU nicht wählen. Wird die CSU diese Wähler zu gewinnen versuchen oder meint sie, daß die Bayernpartei das kleinere Übel sei, weil diese Stimmen sonst den Sozialdemokraten zufallen könnten? Die Beantwortung der Frage entscheidet über das Schicksal der BP. Deswegen auch die Alarmstimmung bei den Bayernparteilern wegen der Aufnahme Winklhofers in die CSU. Aber die Weiß-Blauen glauben nicht an die tödliche Umarmung durch die Schwarzen. Nach vierstündiger Diskussion entschied sich der BP-Landesausschuß für das Verbleiben in der Regierungskoalition.