Von Johannes Jacobi

Im September 1962 begann die Spielzeit im Bremer Theater am Goetheplatz mit einer Überraschung. "Luther", ein Schauspiel von John Osborne, erlebte seine deutsche Erstaufführung. Die Verblüffung wurde weniger durch das neue Stück, viel mehr durch seine Wiedergabe ausgelöst. Da waren plötzlich ein Stil des Spielens zu sehen, ein Arrangement der Dekorationen zu bewundern, die für Bremens Theaterleben eine Wende um hundertachtzig Grad bedeuteten. Peter Zadek hieß der Regisseur, Wilfried Minks der Szeniker. Dieser "Luther" war die erste Tat des neuen Generalintendanten Kurt Hübner. Er selber stand in der Rolle des Papstes auf der Bühne.

Jetzt hat die Ära Hübner ihr drittes Jahr begonnen. Aus einzelnen Beobachtungen dürfen Schlüsse gezogen werden. Während der vergangenen zwei Jahre ist über das Bremer Theater, auch außerhalb der Hansestadt, öfter geredet und mehr geschrieben worden als jemals seit den Tagen des Bremer Schauspielhauses, einer Privatbühne, die vor der Nazizeit eine Stätte war, wo man Talente großzog.

Zweimal war Kurt Hübners Schauspiel Gast bei den Berliner Festwochen: 1963 mit der "Geisel", 1964 mit dem "Spaßvogel". Beide Stücke stammen von Brendan Behan. Beide Aufführungen waren inszeniert von Peter Zadek, in Dekorationen von Wilfried Minks. Gleichzeitig inszenierte Zadek 1963 den "Luther" noch einmal als Festwochenpremiere der Berliner Freien Volksbühne. Obwohl Heinrich Schweigers Luther dort porträtähnlicher erscheinen mochte als in Bremen der junge Friedhelm Ptok, wirkte die Bremer Aufführung im ganzen stärker. Mit der umstrittensten deutschen Inszenierung des Shakespeare-Jahres 1964, mit "Held Henry", einer Einrichtung des Königsdramas "Heinrich V." durch Zadek und Minks, eröffnete Bremen den internationalen Shakespeare-Zyklus im Pariser "Theater der Nationen". Eine Einladung von Sir Laurence Olivier, mit dieser kühnen, in Paris heftig angegriffenen Inszenierung auch im neuen englischen Nationaltheater in London zu gastieren, mußte aus finanziellen Gründen abgelehnt werden.

Von den auffallend zahlreichen Bremer Deutschland-Premieren, die aus dem englischamerikanischen Sprachbereich stammten, durfte das Lustspiel "Was ist an Tolen so sexy?" von Ann Jellicoe beim Werkraum-Festival gastieren, das von den Münchner Kammerspielen im Mai 1964 veranstaltet wurde. Unabhängig vom literarischen Wert oder Unwert dieser komödiantischen "Fingerübung" fiel in München die Arbeit auf, die in Bremen mit Schauspielern geleistet worden war.

Es war nicht alles Gold, was an angelsächsischen Importen in Bremen glänzen sollte. Immerhin lernte man hier die englische Bühnenautorin Doris Lessing ("Jedem seine eigene Wildnis") einschätzen und bekam eine Kostprobe von dem jüngst so hochgepriesenen Arnold Wesker ("Tag für Tag"). Informativ wirkten die außerdem recht unterhaltsamen "New Yorker Geschichten" von J. P. Donleavy. Rolf Becker inszenierte sie geschickt auf der dafür eigentlich zu kleinen Kammerspielbühne.

Als größter Blindgänger aus diesem Umkreis erwies sich eine der staunenerregendsten Bünnenrealisationen: das Musical "Music Man" von Meredith Willson. Zadek wirbelte das ganze Bremer Bühnenpersonal zu einem selten erlebten Beispiel entfesselten Regietheaters hoch. Dennoch: das Werk selbst starb an seiner Belanglosigkeit.