Konrad Adenauer hat in jenem "Bild am Sonntag"-Interview, das über Nacht eine handfeste Krise in der Regierungspartei heraufbeschworen hat, einen Satz gesagt, der alle Zustimmung verdient: "Das deutsche Volk zieht eine Klarheit, die hart ist, einer Unklarheit vor, die weich erscheint."

Adenauer, kein Zweifel, hat den Vorwurf der Unklarheit auf seinen Nachfolger Ludwig Erhard gemünzt. Es ist dies ein Vorwurf, der gewiß in vielem zutrifft. Aber andererseits wird es heute immer deutlicher, daß auch der ehemalige Bundeskanzler und nicht wenige seiner engen politischen Freunde sich dieser Unklarheit in gleichem Maß schuldig gemacht haben.

Wie hieß es bis vor kurzem aus Bonner Politikermund? "Es ist purer Unsinn, es ist unrealistisches Journalistengewäsch zu sagen, wir müßten uns zwischen Washington und Paris entscheiden." Und dann folgten zumeist Belehrungen darüber, daß es ein Imperativ unserer Politik sei, Paris und Washington sozusagen gleichzeitig zu umarmen. Das war Unklarheit, das war Wunschdenken.

Was in Bonn bisher geleugnet wurde, General de Gaulle hat es durch seine jüngsten politischen Aktionen unmißverständlich zu erkennen gegeben: Es bleibt uns nichts, als eine schwere Wahl zu treffen. Wir müssen uns klar werden darüber, ob wir auch fortan die atlantische Bindung wollen oder ob wir für jene Art von europäischer Zusammenarbeit votieren, wie de Gaulle sie will. In Paris wird nicht mehr geleugnet, daß die künftige deutsche Mitwirkung am atlantischen Integrationsprojekt dieses eine mit Sicherheit bedeuten würde: das französische Ausscheiden aus jeglichen europäischen Einigungsbestrebungen.

Vorbei sind die Zeiten, da aus Paris Bemerkungen herzlicher Freundschaft und Zuneigung über den Rhein drangen. Vorbei sind die Zeiten, da, Bonn sich an die Illusion klammerte, man könne aus einem engen deutsch-französischen Nachbarschafts-Verband stetig Europa bauen – ohne dabei vom schützenden Freund auf der anderen Seite des Atlantiks zu lassen. De Gaulle selber hat diese Illusion zerschlagen. Die politische Offensive, die er gegen den deutschen Partner eingeleitet hat, dieses grandiose französische Erpressungsmanöver, erzwingt eine von zwei denkbaren deutschen Reaktionen: Nachgeben, buchstäblich bis zur Unterwerfung, oder Festigkeit, bis hin zur Gefahr eines Bruches.

Dies ist die "harte Klarheit", die dem deutschen Volk weder von Erhard noch von Adenauer präsentiert wurde – sondern nun endlich von de Gaulle selber. Freilich ist es so, daß Bonn ja nicht ohne Grund der Wunschvorstellung angehangen hat, das Unvereinbare ließe sich eben doch vereinbaren. Natürlich wäre es gedeihlicher für die Bundesrepublik, wenn sie zugleich die Freundschaft mit Frankreich vertiefen, die europäische Integration vorantreiben und die atlantische Gemeinschaft festigen könnte. Das ist nun, vorab jedenfalls, allen langgehegten und liebgewonnenen Illusionen zum Trotz nicht möglich. Bonn muß sich, so schmerzlich das ist, entscheiden. Und diese Entscheidung ist deshalb hart, weil es gar nicht mehr darum geht, das Bessere zu wählen, sondern nur noch darum, das Schlimmere zu verhüten.

Durch "atmosphärische" Verbesserungen – neuerdings ein beliebtes Wort bei Erhards innerparteilicher Opposition – läßt sich dieses Dilemma nicht beseitigen. Gewiß mag die gegenwärtige Regierung gegenüber Paris taktisch nicht immer klug operiert haben, und gewiß hat es die undiplomatische Schroffheit, mit der de Gaulle im Sommer in Bonn empfangen. wurde, dem General leichter gemacht, seine jüngste Attacke gegen das "große deutsche Volk" zu reiten. Aber auch eine Bonner Politik des Lächelns könnte heute den Einklang zwischen Paris und Bonn nicht wieder herstellen. Sagen wir es anders: Adenauer – mit dem Außenminister Brentano – sähe sich heute eben jenen beiden Faktoren deutsch-französischen Zwistes gegenüber, mit denen Erhard – samt Gerhard Schröder – derzeit fertig werden muß. (Wie töricht ist die Frage, ob ein anderer Außenminister ein besseres Verhältnis zu Paris herstellen könne – wo es doch allein sinnvoll wäre zu fragen, ob dieser Außenminister die richtige Politik macht.)