Die verhinderte Beichte eines SS-Mannes aus Auschwitz

Von Dietrich Strothmann

Irgendwo in den Trümmern lag ein verbeulter Blechnapf, aus dem wohl einstmals ein Häftling seine Wassersuppe verzehrte. Mit ungelenker Hand war auf ihm ein auf tobender See tanzender Kahn eingeritzt. Darüber stand ‚Don‘t forget the forlorn man! Die Rückseite zeigte ein Flugzeug, auf dessen Tragflächen man den amerikanischen Stern erkannte und das gerade eine Bombe ausklinkte. Die Beschriftung dieses Bildes hieß ‚Vox Dei‘."

Mit diesen Sätzen endet ein Bericht. Er ist 56 Seiten lang, geschrieben auf einer Schreibmaschine. Sein Verfasser heißt Perry Broad, vor wenigen Jahren noch ein fleißiger, bei seinen Kollegen beliebter kaufmännischer Angestellter, ein Mann, der das Zeug dazu hatte, Karriere zu machen. Seit dem Dezember des letzten Jahres wird über ihn Gericht gehalten, in Frankfurt. Perry Broad ist einer der 20 Angeklagten des Auschwitz-Prozesses. Jener Schlußabsatz seines Augenzeugenberichtes ist das Schlußbild, das er sich kurz vor seiner Flucht aus dem Massenvernichtungslager einprägte. Er behielt es in seiner Erinnerung: "Die Stimme Gottes."

Dreimal in der Woche, seit mehr als zehn Monaten, an bisher über hundert Verhandlungstagen, erscheint Perry Broad pünktlich gegen acht Uhr morgens in dem Aufenthaltsraum der Angeklagten. Er ist einer von den wenigen, die noch auf freiem Fuß sind. Eine Kaution in Höhe von 50 000 Mark hat ihn vorläufig vor der Einlieferung in eine der Zellen des Untersuchungsgefängnisses in der Hammelgasse bewahrt. Broad ist fast ein freier Mann. Wer die Fünfzigtausend für ihn aufbrachte, wissen nur die Richter, sein Verteidiger und er selber. Für die anderen aber ist es ein Rätsel.

Der ganze Mann gibt Rätsel auf. Die meisten anderen, die im Theatersaal des Bürgerhauses "Gallus" an der Frankenallee auf den beiden Bänken der Angeklagten sitzen, in bequemen Stühlen, das weiße Pappschild mit ihrer Nummer vor sich auf dem Schreibpult, hinter sich die Polizeibeamten in den blauen Uniformen – sie lassen sich leichter charakterisieren: der breitschädlige Boger, den die Häftlinge in Auschwitz den "fahrenden Tod", den "Teufel", den "Tiger" nannten; Kaduk, der stupide in den Saal grinst und die Hände an die Hosennaht legt, sobald er aufspringt und dem Richter antwortet; der breitschultrige Schlage, der dumpf vor sich hinbrütet; der hagere, gebeugte Mulka, der sich fortwährend Notizen macht; der Jüngste von allen, Stark, der noch heute ein fast unschuldiges Jungengesicht zur Schau trägt; Capesius, der beleibte Apotheker, der gravitätisch die Arme vor der Brust verschränkt; Klehr, der fast immer mit gesenktem Kopf dasitzt, als vollführe er Verrenkungsübungen. Von ihnen allen kann man sich ein Bild machen, sie stellen bestimmte, genau zu beschreibende Typen dar.

Wie ein höflicher Zuschauer