Von Edgar Lohner

Seinen beiden ersten Gedichtbänden, "Die Verteidigung der Wölfe" (1957) und "Landessprache" (1960), hatte Hans Magnus Enzensberger, etwas affektiert, Gebrauchsanweisungen mitgegeben. Seine Gedichte wollte er verstanden wissen "als Inschriften, Plakate, Flugblätter ... nicht im Raum sollten sie verklingen, in den Ohren des einen geduldigen Lesers, sondern vor den Augen vieler". Sie sollten, "wie das Inserat in der Zeitung", wie "das Plakat" an der Litfaßsäule, als Mitteilungen vornehmlich auf Ungeduldige wirken, avantgardistische Leser abschrecken und darauf hinweisen, daß ihr Autor nichts Neues zu sagen habe.

Seitdem sind sieben Jahre vergangen. Man kann füglich fragen, ob jene Gedichte die Wirkung hatten, die ihr Verfasser sich, etwas kokett, davon versprach. Nein, sie haben, glaube ich, keinen, am wenigsten den Ungeduldigen bewogen, vom Paradies zu träumen, das es nicht gibt. Weder ist ein Analphabet durch sie zum Leser geworden, noch haben sie "den Zorn der Welt ‚vermehrt‘ um ein Gran". Gedichte, auch die Enzensbergers, haben weder die Wirkung von Plakaten noch von Zeitungsinseraten. Die Auflagenziffer der beiden Bände verweist eher auf den geduldigen Leser, den Enzensberger nicht ansprechen wollte.

Gleichviel, die beiden Bände enthielten gute und weniger gute Gedichte. Sie alle verrieten Enzensbergers Können. Sie zeigten, wie vertraut er mit den Mitteln poetischer Technik war und daß er sie bei der Herstellung der Gebilde zu gebrauchen wußte. Ihre strukturelle und sprachliche Präzision war erstaunlich, die darin sich abzeichnende akustische und visuelle Sensibilität des Dichters oft geradezu bestürzend. So entstand sein Stil, dessen Eigentümlichkeiten unverkennbar waren: Unverkennbar die Handhabung des Wortmaterials, die assoziative Me:aphorik, die Verbindung von Konkretem und Abstraktem, das Ineinanderschieben völlig entlegener oder sich gar widersprechender Elemente. Auch das Heranziehen diverser Sprachbereiche war bezeichnend. Man fand die Sprache des Alltags, die der Geschäftswelt und der Politik, man fand Jargon, Sprichwort und Zitat. All dies, sowie literarische und mythologische Reminiszenzen, deutete an, in welcher Tradition er steht und wie sehr er ihr verpflichtet ist, obschon er diesen oder jenen Vorfahr manchmal verleugnet.

Doch hinter aller technischen Vollendung, ja auch hinter der ätzenden Schärfe der Empörung, die der Situation der Gegenwart, besonders der deutschen, mit einem unbedingten und lauten satirischen Nein antwortete, wurde eine Besorgnis wahrnehmbar, der es um mehr geht als darum, geschätzte Tabus, Indifferenz und Nichtiges der Lächerlichkeit und der Verachtung preiszugeben. Implicite stellt sich Enzensberger die gleichen Fragen, Hugo Ball während des Ersten Weltkriegs bewegten: "Was soll und was sollte der Geist? Welche Macht besaß er, da ein solches Blutbad entstehen konnte? Wie war es möglich, daß der Geist nicht das Massenmorden und die Not verhindern konnte?"

Durch diese bedingungslose, oft hochmütige und ärgerliche Aufrichtigkeit, die allerdings kein literarisches Kriterium ist, machte Enzensberger sich viele Feinde. Sie versagte ihm Wohlwollen und Popularität. Man hatte den Eindruck, hier sei ein geistig und künstlerisch hoch befähigter Satiriker am Werk, der die Welt, insbesondere die westdeutsche, durch die Macht des Wortes wenn nicht verändern, so doch zur Besinnung rufen wollte.

Aber was geschah? Der neue Band – gibt Aufschluß. Er enthält Gedichte von höchst unterschiedlicher Qualität: Banales und Manieriertes stehen neben ganz Ausgezeichnetem. Die Qualität schwankt bis zu einem Grade, wie man ihn sich von Enzensberger nicht wünschen möchte. Eine "Gebrauchsanweisung" fehlt. Soll das bedeuten, daß dieser Dichter dem "einen geduldigen Leser", den er in der "Verteidigung der Wölfe" nicht ansprechen wollte, jetzt mehr Beachtung schenkt? Ist die plakative Wirkung, auf die er hoffte, nicht eingetreten? Sollte er die Überzeugung gewonnen haben, daß Essays und Traktate geeigneter für die Verteidigung, die Behauptung seiner Position sind als Gedichte? Daß mit Gedichten, es sei denn, sie werden zu Plakaten oder Parolen degradiert, gegen die Gleichgültigkeit nicht anzukommen ist? Dieser Unbequeme scheint sich nun zurückgezogen zu haben; er scheint gelassener, nüchterner, zurückhaltender geworden zu sein.