Von Alfred Michaelis

Die amerikanische Regierung hat sich vor den Wahlen mit anderen als etwa finanzpolitischen Problemen zu befassen. Die "Politik des billigen Geldes", d. h. der reichlichen Kreditversorgung zu niedrigen Zinssätzen, hat in starkem Maße zu dem seit über drei Jahren anhaltenden Wirtschaftsaufschwung beigetragen; es ist zur Zeit nicht opportun, daran etwas zu ändern. Nach dem Wahlkampf wird sich jedoch die Frage stellen, ob an dieser Politik noch lange festgehalten werden kann.

Die amerikanische Konjunktur der letzten Jahre hat nicht den boomartigen Charakter europäischer Provenienz. Das Wachstum der Wirtschaft hält sich im engen Rahmen von nur wenigen Prozenten jährlich. Die Kapazität der Industrie ist nicht bis an die äußersten Grenzen ausgenutzt. Es herrscht keine Überbeschäftigung; ganz im Gegenteil, die erhebliche strukturelle Arbeitslosigkeit konnte bisher nur unwesentlich reduziert, werden. Vor allem aber haben sich im Unterschied, zu den europäischen Ländern die Preise während der ganzen bisherigen Dauer des Konjunkturanstieges nahezu stabil gehalten.

Als der französische Finanzminister Giscard d’ Estaing vor sechs Wochen auf der Weltbanktagung in Tokio die Vereinigten Staaten für die europäische Inflation verantwortlich zu machen suchte, konnte der amerikanische Finanzminister mit Recht entgegnen, daß, es in Amerika keine Inflation gibt und man nicht etwas exportieren kann, was man nicht hat. Was der französische Kritiker im Grunde meinte, war nicht der Export von Inflation selbst, sondern der Export einer ihrer Ursachen in Gestalt des amerikanischen Kapitalexportes und Zahlungsbilanzdefizites, durch die den westeuropäischen Ländern eine inflationär wirkende Kapitalflüssigkeit zugeleitet wird.

Wenn die Frage einer Diskonterhöhung nach den Wahlen jetzt von Vertretern der Federal Reserve Bank und Finanzpolitikern diskutiert wird, so beruht das sowohl auf Erwägungen hinsichtlich der weiteren Entwicklung der amerikanischen Inlandskonjunktur wie vor allem auch auf der Notwendigkeit, dem amerikanischen Zahlungsbilanzdefizit dem Ausland gegenüber endlich Einhalt zu gebieten. Die beiden Gesichtspunkte – der innenwirtschaftliche und der außenwirtschaftliche – komplizieren das Problem. Letzten Endes liegen die Dinge so, daß diskontpolitische Maßnahmen zur Sanierung der Zahlungbilanz mit unerwünschten Rückwirkungen auf die amerikanische Inlandskonjunktur verbunden sind und umgekehrt die Rücksichtnahme auf die Inlandskonjunktur mit der Lösung des Zahlungsbilanzproblems schwer vereinbar ist.

Die Diskussion kompliziert sich weiter dadurch, daß die Ansichten über den weiteren Verlauf der Konjunktur geteilt sind. Während die einen mit der Möglichkeit eines Abflauens im nächsten Jahre rechnen, wird von anderer Seite die Erwartung zum Ausdruck gebracht, daß sie inflatorische Züge annehmen und im weiteren Verlauf mit Preissteigerungen verbunden sein wird. Zu Befürchtungen in dieser Hinsicht geben vor allem die neuen Tarifverträge in der Automobilindustrie Veranlassung, die den Arbeitern hohe Pensionen vom 60. Lebensjahre an sichern und zu einer allgemeinen Kostensteigerungswelle zu führen drohen. Eine Diskonterhöhung würde inflationistischen Tendenzen entgegenwirken. Sie ist jedoch mit der Gefahr verbunden, die durch die Maßnahmen Kennedys mühsam in Gang gebrachte und gehaltene Konjunktur zu dämpfen und möglicherweise zum Stillstand zu bringen. Die Regierung dürfte wenig Neigung haben, dieses Risiko einzugehen.

Die Frage einer Änderung der Geldpolitik stellt sich jedoch in erster Linie im Hinblick auf das Defizit der Zahlungsbilanz, durch das die Rolle des Dollars als Weltwährung auf die Dauer in ernste Mitleidenschaft gezogen wird. Das Problem hat sich durch die seit nunmehr sieben Jahren anhaltenden jährlichen Goldverluste so zugespitzt, daß ernsthafte Lösungsversuche nicht mehr lange aufgeschoben werden können. Die amerikanischen Goldbestände sind von einem Höhepunkt von fast 25 Milliarden Dollar nach dm Kriege auf zur Zeit etwas über 15 Milliarden gesunken und liegen nur noch um eine geringe Spanne über der gesetzlichen Währungsreserve von rund 13 Milliarden.