Die weiße Lüge beherrscht schon der junge Mensch: Der Teenager macht sich älter, um einen Job als "camp councelor" in den Hunderten vom Sommercamps zu bekommen. Der Job ist besser bezahlt, verlangt aber ein Alter von 18 Jahren. Ebenso wird oft mit dem Alter geschwindelt, um zur "driver’s licence" zugelassen zu werden: Wiederum macht sich ein Teenager hier älter und eine Großmutter jünger, da die Altersgrenze zwischen 16 und 60 liegt. Es wird als selbstverständlich angenommen, daß eine Frau, die vierzig ist, ihr richtiges Alter nicht mehr angibt, wenn sie auf der Jobsuche ist.

Ein großer Teil des Arbeitsprozesses ist auf der weißen Lüge aufgebaut: Man nimmt an, daß der Arbeitnehmer über seine Erfahrungen, oft auch über seine Vorbildung nie ganz die Wahrheit erzählt und es mit dem Alter nicht so genau nimmt: Das ist das Recht auf "advertising yourself", das man ihm zugesteht. Aber auch der Arbeitgeber benutzt die weiße Lüge, indem er die Stelle glorifiziert. Wenn man Stellenangebote liest, glaubt man oft, es handele sich um ein Vergnügen und nicht um Arbeit: Hauptsache scheinen die zweimalige Kaffeepause zu sein und die verschiedenen "benefits", die mit der Stelle verbunden sind – wie Alters- und Krankenversicherung und Urlaubstage. "Werden Sie eine Miß Murray", wirbt ein bekanntes Kettenrestaurant mit bildhübschen Girls in flotter Servieruniform. "Auch du – eine Miß Nightingale!" Natürlich klingt es viel besser, die Krankenschwester, die engelsschön und in einer blütenweißen, unerhört schicken Nylonschürze gezeigt wird, nach der berühmten Vorgängerin zu nennen und mit diesem Vorbild zum Beruf der Nurse zu werben, aus dem man dennoch nach wie vor noch keinen Glamourjob machen kann.

Ebenso gehört in das Gebiet der white lie das "keep smiling", das künstliche Lächeln, das zumindest auf jedem Frauengesicht wie eine Maske klebt und sehr oft eine bittere Lebensenttäuschung verdeckt. Frustration ist ein Phänomen in Nordamerika, dem Land, mit dem höchsten Lebensstandard, das den Psychologen zu einem der erfolgreichsten Berufe gemacht hat.

Aber bereits in der Verfassung ist es verankert, das Recht auf Glücklichsein auf Erden – poursuit of happiness on earth –, das in den nüchternen Alltag übersetzt "Erfolg" heißt. Keiner möchte eine Niete sein, und wenn man nicht den Standard erreicht, dann muß man ihn eben vortäuschen. "Pretend to be happy, make believe to be glad –" dieser Radiosong beschreibt akkurat die seelische Situation eines ganzen Volkes – des ganzen nordamerikanischen Kontinents.

Um diese Seelenlage zu verstehen, muß man zurück gehen zur Mentalität der Pioniere. Sie kamen mit der puritanischen Weltanschauung, daß harte Arbeit mit dem Ziel des sichtbaren Erfolges – Geld und Besitz – Gott wohlgefällig ist. So ist die Anbetung des Erfolges in das Zentrum des ganzen Denkens und Handelns gestellt und der Erfolg wird natürlich ganz nüchtern in Dollars und Popularität gemessen.

Dazu kommt, daß die Neue Welt – ein riesiger Kontinent, der auch heute noch oft mehr ein geographischer Begriff mit riesigen menschenleeren Räumen ist, den ersten Einwanderern Schrecken einflößte mit der brutalen Größe der Natur und dem grausamen extremen Klima. Von Anbeginn flüchteten sie sich vor der erbarmungslosen Wirklichkeit einer ungezähmten Natur ins primitive Blockhaus und schufen sich eine Art europäischer Ersatzwelt: alle Pioniere brachten ein "Image" ihrer Nation mit und spielten in der Wildnis Ladies und Gentleman à la ... Es gibt so viele Beispiele aus der nordamerikanischen Geschichte wie man hier ein künstliches dix huitieme à la Versailles aufbaute.

Die white lie – zur Lebenslüge geworden, hat heute eine künstliche Ersatzwelt geschaffen, wo die Verpackung alles ist und das beliebteste Wort "glamorize" – das heißt: dem nüchternen Alltag einen falschen bunten Flitterglanz geben. Nirgendwo in der Welt ist die Tendenz so groß, höfisches Leben vorzutäuschen wie in dem nordamerikanischen Kontinent: Man raucht "kingsize"-Zigaretten, ißt "königsgroße" Steaks, telephoniert auf einem weißen Telephon das "princess" heißt und sieht, unterstützt von Schönheitspräparaten wie eine Queen aus und trägt die falsche Stola, die den "Million-Dollar-Look" hervorzaubert.