Von Kai Hermann

Carola Stern: Ulbricht; Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln; 358 Seiten, 16,80 DM.

Lohnt es sich eigentlich, eine Ulbricht-Biographie zu schreiben?" Mit dieser Frage beginnt Carola Stern ihr Buch. Und sie antwortet mit einem indirekten "Nein". Ihr "Held" sei ein "langweiliger Mann". Die Autorin stellt nicht die näherliegende Frage: Kann man überhaupt schon eine Ulbricht-Biographie schreiben? Eine Biographie des Mannes, der in der Vorstellung der Deutschen nur als "spitzbärtiger Dämon" oder "großer Führer der Arbeiterklasse" zu leben scheint. Die Autorin stellt fest, daß dieser Mann vor allem langweilig ist und deutet damit schon in den ersten Sätzen ihres Buches an, daß sie entschlossen ist, Propagandaklischees zu zerstören. Sie meint, man könne nicht nur, man müsse es wagen, schon jetzt diese Biographie zu schreiben.

Die Voraussetzungen waren nicht gerade günstig: Das Material, das ihr zur Verfügung stand, war lückenhaft. Die Autorin selbst konnte nicht den Abstand zu ihrem "Helden" haben, der von einem "unparteiischen" Chronisten verlangt wird. Sie war bis 1951 Lehrerin an der SED-Parteischule, bevor ihr das Leben in Ulbrichts Machtbereich unerträglich wurde. Sie floh vor dem Mann, dessen Biographie sie jetzt schrieb. So mußte dieses Buch eine politisch engagierte Biographie werden. Carola Stern versucht nicht, ihr Engagement zu vertuschen, sie gibt sich nicht die Rolle eines unparteiischen Richters. Sie macht aus ihrer Verachtung für den Menschen und aus ihrem Haß gegen den Politiker Ulbricht keinen Hehl. Das hindert sie jedoch nie, das Material, das ihr zugänglich war, auszubreiten und damit ihre Chronistenpflicht zu erfüllen.

Sie verglich das Bild von dem spitzbärtigen Dämonen, dem Stalin in Pankow, dem ehemaligen Zuhälter, skrupellosen Mörder an eigenen Parteigenossen, dem prinzipienlosen Opportunisten, der an – nichts als seine Macht glaubt, mit den Fakten und stellte fest, daß es nicht stimmt. Schon das Leben des jungen Ulbrichts, das Carola Stern beschreibt, paßt nicht in das Klischee. Als Sohn eines Flickschneiders wuchs er im "Naundörfchen", dem Revier der Leipziger Prostituierten, auf. Doch "Frauen spielten in seinem Leben nie eine Rolle". Der junge Ulbricht ging in die Tischlerlehre, durchwanderte mit dem Arbeiterjugend-Bildungsverein die Umgebung Leipzigs, ein rotes Taschentuch am Spazierstock, sozialistische Kampflieder auf den Lippen. Abends besuchte er Fortbildungskurse und "Kampfabende gegen Schundliteratur". "Wißbegierde, Strebsamkeit und Fleiß gehörten zum Bild des jungen Ulbricht."

Carola Stern sieht keinen Bruch im Leben Ulbrichts. Sie meint, daß ihn die Eindrücke, die er als Lehrling und kleiner Parteifunktionär empfing, noch heute entscheidend bestimmen. Daß er immer an jenen "Schmalspurmarxismus" geglaubt hat und sich von ihm ideologisch leiten ließ, den er im Arbeiterjügend-Bildungsverein kennenlernte, und der sein einziges Bildungserlebnis geblieben sei. Die Voraussetzungen im Denken hätten ihm gefehlt: Wissen, Bildung und Denkbegabung. Aus der Not der begrenzten Begabung habe er die zweifelhaften Tugenden "Unbeirrbarkeit" und "Prinzipientreue" gemacht.

Ulbricht und seine Freunde rebellierten schon während des Krieges gegen die Mehrheit der SPD, und der Tischlergeselle schloß sich folgerichtig der neugegründeten KPD an. Schon an diesem Schritt wird es – so Carola Stern – deutlich, daß allein mit der Formel "skrupelloser Opportunismus" das Phänomen Ulbricht nicht zu erklären ist. Ein vor allem auf seinen Vorteil bedachter junger Mann hätte keinen Grund gehabt, vor 1918 der SPD und nach dem Krieg der KPD beizutreten. Diese Mitgliedschaften konnten ihm nur Nachteile bringen.