Von Theo Sommer

Am 22. November 1963 ließ das Schicksal Lyndon B. Johnson durch die Hintertür ins Weiße Haus. Am 3. November 1964 überreichte ihm das amerikanische Volk die Schlüssel zum Hauptportal. Seit Dienstag ist Johnson nicht mehr in erster Linie der Nachfolger Kennedys, jetzt ist er Präsident aus eigenem Recht. Die Ära Johnson hat begonnen.

Johnson hat lange darunter gelitten, daß ihn nicht das Mandat des Volkes, sondern die Schüsse eines Wahnsinnigen ins Präsidentenamt getragen haben. Er wußte: Die Plattform, auf der er stand, hatte ein anderer gezimmert; im Grunde führte er auch nur die Amtszeit dieses anderen zu Ende. Zwar tat er das mit sicherem Instinkt für die Bewahrung der Kontinuität. Aber es wurmte ihn dennoch, daß er im Schatten des toten Kennedy stand. Und wenn er auch nach und nach aus diesem Schatten heraustrat, so glaubte er sich doch zu neuen, eigenen Initiativen nicht berechtigt, ehe er sein eigener Präsident geworden war.

Let us continue, hatte Johnson seinen Landsleuten vor einem Jahr zugerufen – laßt uns das Werk des Toten fortsetzen! Aber schon beim Parteikonvent schlug er eine andere Tonart an: In Atlantic City verlangte er das "Mandat für einen Neubeginn". Er wollte die Wahlen nicht nur gewinnen, er wollte sie mit eindeutiger, weithin sichtbarer Mehrheit gewinnen. Niemand sollte ihm vorwerfen können, er sei nicht gehörig legitimiert, um jene Johnson-Revolution ins Werk zu setzen, die Amerika nach seinem Willen stärker verwandeln soll als Roosevelts New Deal – in jene "Große Gesellschaft", die innenpolitisch wie außenpolitisch mit den drängenden Problemen unserer Zeit fertig werden kann.

Es gibt Leute, die das als billige Wahlparole abtun. Zu Unrecht jedoch, denn die Vorstellung von der Großen Gesellschaft ist nicht dem Hirn eines ghost-writers entsprungen, sie stammt aus den tiefsten Schichten der politischen Seele Johnsons. Der Slogan verrät die Grundhaltung eines Mannes, der seine ärmlichen Anfänge auch im Reichtum nicht vergessen hat, dessen Weltbild sich in der Depression und den New-Deal-Jahren danach formte und dem es um mehr geht als um ein paar Stimmen, wenn er die Kate eines Appalachen-Bauern betritt – nämlich um die Glaubwürdigkeit und Zukunftsträchtigkeit des amerikanischen Experimentes.

Die Lauterkeit der Motive wird man Lyndon Johnson zubilligen müssen, auch wenn sie zuweilen zugedeckt scheint von der grellen Aufdringlichkeit seines Stils. Dieser Stil ist hemdsärmelig; protzig, unbekümmert, manchmal vulgär; er entbehrt nicht der amtlichen, wohl aber der persönlichen Würde, des intellektuellen Glanzes und des höfisch-kultivierten, mitunter sogar majestätischen Elements, das die jungen Kennedys im Weißen Haus zur Geltung gebracht hatten. Aber John F. Kennedy war ein Glücksfall der amerikanischen Geschichte; manch ein Amerikaner meint sogar, er sei ein Unfall gewesen. Und an diesem bissigen Wort ist auf jeden Fall so viel richtig, daß er, der Aristokrat aus Boston, für das eigentliche Amerika weit weniger repräsentativ war als der plebejisch wirkende Bilderbuchtexaner, der ihm im Amt folgte.

Gerade die Europäer neigen dazu, dies zu vergessen. Kennedy war ein Produkt des Urbanen Nordostens, er kam nicht von der "Scholle", von dem, was man the great American soll nennt. Er hatte im eigentlichen Sinne nicht einmal eine regionale Hausmacht, er war durch nackte Intelligenz und schieren politischen Sex-Appeal an die Macht gekommen. Johnson indessen vertritt Amerika vom Golf bis zu den Großen Seen, vom Atlantik bis zum Pazifik. Er ist Amerika, ist wirklich der Präsident des ganzen Volkes, wie sein hoher Wahlsieg beweist. Die Vereinigten Staaten sind sein Wahlkreis. Kennedys Wahlkreis war die Welt.