Frankfurt/ Main

Die hessischen Wahllokale waren seit drei Stunden geschlossen, da nahmen Rundfunkreporter im Frankfurter Rathaus den Oberbürgermeister, Professor Dr. Brundert. beiseite, hielten ihm das Mikrophon entgegen und befragten ihn nach der Lage. Der SPD-Stadtvater brauchte sich nicht hochgestimmt zu geben; er war es. Denn es konnte keinen Zweifel daran geben, daß die Frankfurter Sozialdemokraten das Rennen gemacht hatten, die absolute Mehrheit im Stadtparlament gesichert war.

Der Sieg war jedoch gar nicht so selbstverständlich. Die SPD in der Mainmetropole hatte im Schatten der bevorstehenden Kommunalwahlen eine handfeste Bürgermeisterkrise durchstehen müssen. Als das bisherige Stadtoberhaupt, Walter Bockelmann, vor einigen Monaten seine Absicht wissen ließ, Amt und Würden niederzulegen, hatte die SPD als Nachfolger den Bürgermeister Menzer präsentiert. Dieser Vorschlag stieß in der Öffentlichkeit auf hartnäckigen Widerstand. Offensichtlich unter dem Druck der "öffentlichen Meinung" wurde dann dieser Plan aufgegeben und Brundert, bis dahin Chef der Staatskanzlei, auf den Schild gehoben.

Knappe zwei Wochen vor dem Wahltermin, dem 25. Oktober, hatte es dann wiederum heftigen Ärger gegeben. Einer der Spitzenkandidaten der SPD, zweiter Mann auf dem Stimmzettel und erster Mann im SPD-Unterbezirk Frankfurt, der Oberstudiendirektor Emil Bernt, war unversehens in die Schußlinie der Stadtausgabe der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" geraten. Unter der Überschrift "Oberstudiendirektor ohne Reifeprüfung?" äußerte die FAZ erhebliche Zweifel, ob Bernts eidesstattliche Erklärung, er habe 1941 an der Staatlichen Oberschule für Jungen in Komotau im Sudetenland die Reifeprüfung abgelegt, auch eine reale Grundlage habe. Der FAZ war es auch gelungen, ihren publizistischen Frontalangriff zu illustrieren. Man zeigte eine Abbildung der Festschrift "20 Jahre Matura 1941 – Staatsrealgymnasium in Komotau". Sie war 1961 erschienen. Den Namen Bernt enthält sie nicht. Auch auf den Bildern der beiden Abiturklassen 1941 ist ein Schüler Bernt nicht zu sehen. Dagegen war er dabei, als im Herbst 1941 eine Klasse der Lehrerbildungsanstalt Komotau photographiert wurde. Hier präsentiert sich Schüler Bernt in kurzer schwarzer Hose, schwarzem Pullover und Schillerkragen.

Anstatt die Frage "Oberstudiendirektor ohne Reifeprüfung?" mit einem schlichten Ja oder Nein zu beantworten, ließ Bernt, Leiter des Frankfurter Liebig-Gymnasiums, durch seinen Anwalt Henry Ormond erklären, er sei davon überzeugt, der Zeitpunkt der Veröffentlichung sei von politischen Gegnern bewußt gewählt worden, um ihn in seiner Eigenschaft als Unterbezirksvorsitzender der SPD zu diskreditieren. Die Angriffe gegen seine Person verfolgten eindeutig das Ziel, die SPD zu treffen, die jedoch mit seinen persönlichen Verhältnissen nicht das geringste zu tun habe.

Bemüht, sich die Klärung des Falles für die Zeit nach der Wahl aufzuheben, taktierte auch der SPD-Fraktionsvorsitzende im Stadtparlament, Gerhard Weck in dieser Richtung: "Das Ganze hat ein bißchen einen üblen Beigeschmack wegen des Zeitpunktes der nahen Wahl." Und um das Maß der Mißlichkeiten vollzumachen, ließ der in Frankfurt hochangesehene Anwalt Henry Ormond wissen, bei dem Informanten der FAZ handele es sich "um einen früheren HJ- und SS-Führer, der sich heute führend in der sudetendeutschen Landsmannschaft und im Kreisrat der Komotauer betätigt". Vermutlich hatte der Rechtsvertreter des Pädagogen mit diese: Mitteilung nur im Sinn, die staatsbürgerliche Redlichkeit des Informanten anzuzweifeln. Doch mußte zwangsläufig der Eindruck entstehen, man habe ein Ausweichmanöver unternommen, um Bernt ein klares Wort zu ersparen.

"Nebelwerferschießen" ist man nämlich in Frankfurt schon gewohnt, wenn es um den Schulmann Emil Bernt geht. Da hatte im Mai dieses Jahres der FDP-Landtagsabgeordnete Schauß im Wiesbadener Parlament angefragt, ob Pressemeldungen zuträfen, nach denen Bernt ohne ausreichende Lehrbefähigung zum Schulleiter des Liebig-Gymnasiums ernannt worden sei. Die Anfrage aus den Reihen der FDP kam nicht vor ungefähr. Über Bernts sehr steile Schulkarriere war man in Kollegenkreisen schon lange recht mißmutig. Tatsächlich gelang es dem zielstrebiger, und aktiven Erzieher – Hauptfächer Turner, und Erkunde –, in wenigen Jahren vom Studienassessor zum Oberstudiendirektor und Leitet eines angesehenen Frankfurter Gymnasiums aufzusteigen. Der Segen der SPD ruhte auf ihm