Da gibt es zunächst einmal Plakate, vor allem Filmplakate. Nicht nur an den Fronten der Kinotheater, sondern auch entlang der Bretterzäune um Baustellen, die in Moskau an der Tagesordnung sind. Sie stehen westlichen Filmplakaten weder an Häßlichkeit noch an Aufdringlichkeit viel nach. Dem westlichen Besucher bleibt es ein Rätsel, weshalb es die sowjetische Filmindustrie für nötig hält, die Besucher anzulocken. Die Kinotheater nämlich sind voll und an den Kassen bilden sich regelmäßig lange Schlangen –

Die sozialistisch-realistische Plakatkunst beschränkt sich jedoch keineswegs auf die Ankündigung von Filmen. Die Anschlagflächen, deren es in der sowjetischen Metropole Tausende gibt, sind mit Plakaten unterschiedlichster Werbeappelle gespickt. In der Hauptsache freilich handelt es sich um die Bekanntgabe kultureller Veranstaltungen – von der Aufführung eines Symphoniekonzerts bis zur Eröffnung einer Ausstellung "zeitgenössischer" Malerei. Dazwischen aber fehlt es nicht an Hinweisen etwa auf die Vorführung neuer Modelle für die Saison 1964/65 "im Pavillon der Leichtindustrie der Ausstellung von Errungenschaften der Volkswirtschaft der UdSSR" bis zur "Gemeinschaftswerbung" des Moskauer Elektrogebrauchshandels: "Elektrische Gebrauchsgegenstände sind bei uns immer in einem großen Sortiment vorrätig." Darauf folgen die Anschriften von 50 und mehr Verkaufsstellen innerhalb des Stadtgebietes.

Dazwischen finden sich Plakate "erzieherischen" Inhalts wie: "Versteckt die Streichhölzer vor den Kindern" oder "Genossen! Geht sparsam mit Elektrizität um! Denkt daran, daß Energie kostbar ist, daß zehn Kilowatt genügen, um 100 kg Brot zu backen oder 10 kg Zement herzustellen oder zwei Paar Schuhe zu nähen."

Es sind übrigens durchweg stilisierte Motive, die als Blickfang dienen. Die polnische Plakatkunst scheint in vielen Fällen Pate zu stehen. Die flächige Wirkung sowjetischer Plakate kommt um so mehr zur Geltung, als man der – vom Standpunkt der Plakatkunst – teuflischen Versuchung standgehalten hat, sich der Erfindung des Herrn Litfaß (runder Plakatsäulen) zu bedienen.

Neben den großen Anschlagflächen sind es die Aushängekästen der "Moskauer Städtischen Bekanntmachungen", die dem westlichen Besucher ins Auge fallen – und dabei unweigerlich trübe Nachkriegs-Assoziationen hervorrufen. Da werden vom Werk XY "Ingenieure und Techniker gesucht", vom städtischen Telegraphenamt "Spezialisten angefordert" oder von einer Handelsschule neue Schreibmaschinenkurse angekündigt. Aber auch Übersetzungsbüros halten sich empfohlen, und nicht zuletzt werden Wohnungen zum Tausch angeboten.

Es ist ein rührender Anblick, wenn die Moskowiter vor diesen Kästen haltmachen und ihr Notizbüchlein zücken, um dieses oder jenes Angebot festzuhalten. Jeder Anschlag ist übrigens mit einem kleinen amtlichen Stempel versehen, für den eine geringe Gebühr erhoben wird.

Im Ganzen dienen die Aushängekästen als "billiger" – bei Lichte jedoch höchstens kostspieliger – Ersatz für Zeitungsanzeigen. Während die Zeitungs- und Zeitschriftenanzeige hierzulande mit ihrem überragenden Anteil am Werbeaufkommen als "Königin der Werbemittel" gilt, fällt ihr in der Sowjetunion immer noch die Rolle eines Aschenbrödels zu.