München

Das Bild von Sodom und Gomorrha drängt sich auf, liest oder hört man die Klagen der Münchner Bürgervertreter über die Zustände nachts auf den Straßen ihrer Stadt. Die Zustände: das sind die Dirnen, in der öffentlichen Diskussion bisher meist zaghaft "die Damen" genannt. Neuerdings nimmt man aber kein Blatt mehr vor den Mund, wenn von ihnen die Rede ist. Und sie sind jetzt oft im Gerede in München, ganz offiziell.

Beinahe jede Woche tagt einer der betroffenen "Bezirksausschüsse und fordert, aufgestachelt von Bürgerversammlungen, die Rückkehr der Dirnen ins Stadtzentrum. Von dort wurden sie nämlich verbannt. Doch das ist eine lange und auch wechselvolle Geschichte. Sie begann am 11. Dezember 1956. An diesem Tag beschloß der Münchner Stadtrat gegen die Stimmen von sieben SPD-Mitgliedern die Einführung einer Sperrzone für Dirnen. Wurden sie dort aufgegriffen, dann drohte ihnen eine Haftstrafe bis zu sechs Wochen oder zumindest eine Geldstrafe.

Die Sperrzone "befreite" die Straßen rund um den Hauptbahnhof, den Marienplatz und den Lenbachplatz; auch die berühmte Ludwigstraße bis zum Siegestor wurde für die "Damen" gesperrt. In jenen Tagen entstand das Wort: das Siegestor werde für die Männer, die stadtauswärts drängten, zur Eglise de Notre Dame, später dann, bei entgegengesetzter Richtung, zum Dome des Invalides.

Die Münchner konnten, wenn sie es unbedingt wollten, fortan beruhigt schlafen. Ihre Innenstadt war moralisch saubergefegt; Ehefrauen brauchten sich nicht mehr zu bangen bei dem Gedanken, der Heimweg ihres Gemahls führe über den Marienplatz oder durch die Sparkassenstraße.

Münchens Dirnen indessen schliefen nicht. Sie liefen zum Kadi und forderten, daß die Sperrzone schleunigst wieder aufgehoben werden müßte. Sie verstieße, so meinten sie, wider Recht und Gesetz. Schließlich müsse die Sonne der Gerechtigkeit ohne Ansehen der Person oder des Gewerbes über allen scheinen. Und die Sonne schien auch tatsächlich wieder für die Dirnen: im Juni 1957 wurde das Sperrgebiet als gesetzlich unzulässig erklärt. Es gab eben noch Richter in München! Festen Schrittes wippten die leichten Mädchen wieder in die City zurück. Nicht zum erstenmal hatten sie sich übrigens durchgesetzt. Schon einmal, 1936, wurde ein im Jahr zuvor errichteter Sperrbezirk wieder aufgehoben.

Zaghaft zuerst, dann immer lauter, wurde jetzt der Vorschlag gemacht, die "Damen" zu kasernieren, also öffentliche Häuser einzurichten. Doch dem stand – und steht noch – der Paragraph 180 des Strafgesetzbuches im Wege, der berühmtberüchtigte Kuppeleiparagraph. Der verbietet unter Strafandrohung jede Kuppelei und dieBeihilfe dazu; in seinem zweiten Absatz heißt es: "Als Kuppelei gilt insbesondere die Unterhaltung eines Bordells oder eines bordellartigen Betriebes." Was tun?