Von Heinz Michaels

In Ingolstadt läuft ein Scherzwort um. Die Automobile, die dort fabriziert werden, würden umgetauft und künftig DKVW heißen. Es ist ein bitteres Scherzwort, denn schließlich schwingt darin der Argwohn mit, daß der neue Teilhaber der Auto Union GmbH, das Volkswagenwerk, aus dem Ingolstädter Werk ein VW-Werk machen könnte. Verzweifelt kämpft die Verkaufsabteilung der Auto Union seit einer Woche gegen den (ungerechtfertigten) Verdacht der Kunden an, die Marke DKW könne vom Markt verschwinden.

Geschehen ist dies: Die Volkswagenwerk AG hat einen Anteil von etwas über 50 Prozent an: Stammkapital der Auto Union GmbH erworben, die bisher allein im Besitz der Daimler-Benz AG war. Daraus soll sich, dem offiziellen Kommuniqué zufolge, eine stärkere Zusammenarbeit der beiden großen Automobilfirmen entwickeln. Soweit der Tatbestand. Der dürre Text des Kommuniqués ließ der Phantasie breiten Raum.

Die Manager von Ingolstadt wehren die Frager ab: "Wir sind nur die Betroffenen, das Objekt. Fragen Sie die Besitzer nach ihren Plänen." Doch in ihren Herzen-keimt die Hoffnung, daß die Auto Union noch einmal das werden möge, was sie vor 30 Jahren schon einmal war: Bindeglied eines Zusammenschlusses in der deutschen Automobilindustrie, durch den ein lebensfähiger Unternehmensverband geschaffen wurde.

Zwei Namen stehen am Anfang dieser Geschichte: Der eine ist August Horch der bei Benz als Ingenieur arbeitete und sich dann 1904 in Zwickau selbständig machte. Er baute technisch fortschrittliche Wagen, scheiterte aber an den Finanzen und mußte schließlich fünf Jahre später sein eigenes Werk verlassen. Ebenfalls in Zwickau gründet er eine zweite Fabrik und nennt die dort gebauten Liebhaber-Autos – nach der lateinischen Form des Ausrufs "horch!" – Audi. Dieses Werk muß er dann aber dem Mann überlassen, der die wichtigste Rolle in der Auto Union-Geschichte spielt: Jörgen Skafte Rasmussen, der den Traum vom deutschen Volksauto fast verwirklichte.

Der gebürtige Däne baute während des Ersten Weltkriegs im sächsischen Zschopau einigeDampfwagen und nannte sie DKW, was soviel wie Dampf-Kraft-Wagen bedeutete. Als nach dem Kriege Dampfwagen nicht mehr gefragt waren, fabrizierte er einen kleinen Spielzeugmotor, einen Benzinmotor mit einem viertel PS, und nennt ihn "Des Knaben Wunder" – DKW. Aus dem Spielzeugmotor wird ein Fahrradhilfsmotor, der ebenfalls nach dem Zweitaktprinzip arbeitet, also bei jedem Kolbenhub zündet und mit weniger beweglichen Teilen arbeitet als der Viertaktmotor.

An die Stelle des Fahrrads mit Hilfsmotor tritt bald das Motorrad, und Mitte der zwanziger Jahr? ist Rasmussen Inhaber der größten Motorradfabrik der Welt. Sein Unternehmenskomplex, zu dem eine Aluminiumgießerei, eine Eisengießerei, eine Gesenkschmiede, eine Fabrik für Magnete und Lichtanlagen und sogar eine Schraubenfabrik gehören, in dem stationäre Motoren, Kühlschränke, Armaturen und Autozubehör fabriziert werden. Diese in wenigen Jahren aufgebaute Unternehmensgruppe zählte damals zu den größten Konzernen Europas.