Von René Drommert

Es begann im August. Leopold Ahlsen ("Philemon und Baukis", "Sie werden sterben, Sire") veröffentlichte in der Zeitschrift "theater heute" einen Artikel "Große Schmährede an der Theatermauer". Diese Philippika, die er im Untertitel selber "Eine Provokation" nannte, war eine lautstarke Kampfansage gegen fast alles, was zum Theater gehört und nicht Autor heißt. "Unsere deutsche Gegenwartsdramatik ist kraftvoll, interessant, sie ist reich facettiert und, bunt gefächert", sagte er, und er nannte als Kronzeugen ein Dutzend Schreiber von Theaterstücken, nämlich Wünsche, Wittlinger, Weiss, Walser, Lenz, Kipphardt, Hochhuth, Hildesheimer, Hacks, Grass, Dorst, Asmodi, Ahlsen.

Ahlsen, wahrlich kein Leisetreter (eher ein bajuwarischer Polterer), hatte den seltenen und um so ehrenwerteren Mut, auch die Theaterkritiker anzugreifen. Die Kritik dieses Landes sei "mangels Substanz so weit gekommen, daß sie weder literarisch noch theaterpolitisch überhaupt noch irgendeine nützliche Funktion ausübt". Und: "Jedermann, der unter den Strich geht, hat den Freibrief, so dummes Zeug zu schreiben, wie immer er kann." Er vermisse den neuen Lessing (womit er gewiß nicht allein steht). "Was haben wir heute? Kerrleins. Päpstleins. Den Friedrich Luft."

A la bonne heure! Das heiße ich einen mutigen Kerl, denn die Theaterleute und Autoren pflegen ihre oft zentnerschwere Verärgerung über die Kritiker sonst hinter verschlossenen Türen abzulegen. Freilich ist es eine andere Frage, wie die Dinge aussähen, wenn man die Produkte der Ahlsenschen Eruption unter die (Lessingsche) Lupe nähme.

Ahlsens Provokation war jedenfalls so "reich facettiert", und so "bunt gefächert", daß die "Deutsche Akademie der darstellenden Künste" (Sitz Frankfurt/Main; Präsident Erwin Piscator, Berlin) den Fehdehandschuh aufhob. Sie lud Autoren, Intendanten, Regisseure, Dramaturgen, Schauspieler und (last and least) Kritiker zu einen Streitgespräch ein. Am vorigen Freitag wurde in Frankfurt vier Stunden lang diskutiert. Es wurde meist "Tacheles" geredet. Wer vielleicht der Auffassung gewesen war, daß damit nur Freimütigkeit, undiplomatische, rückhaltlose Meinungsäußerung verstanden sein könne, sah, sich balc bitter enttäuscht: Es ging nicht nur "hart" und schonungslos zu, sondern oft rüde. Können, so mußte man sich fragen, Leute, die so "Tacheles" reden, wirklich gutes Theater machen oder fördern (Der Ausdruck "Tacheles", der doch jüdische! Provenienz ist, erinnert mich so unglücklich an den Ausdruck "Fraktur reden", den die Machthaber des Dritten Reiches gebrauchten.)

Ahlsen, der bei der Akademie-Aussprache (außer Autoren wie Dorst, Kipphardt, Walser) dabei war, hatte in "theater heute" in erster Linie seiner Empörung über den Theaterbetrieb freien Lauf gelassen. Er hatte zum Beispiel gesagt: "Das Theater ist heute parasitär. Es bringt der Literatur nichts mehr zu, es zehrt an ihrer Substanz – verzehrt sie." Und aus einem Vergleich des zeitgenössischen Theaters mit dem Theater des Naturalismus und Expressionismus hatte er gefolgert "Die Bühne war dazumal noch eine Gebär- und nicht, wie heute, eine Kastrationsanstalt."

In Frankfurt wurde konterkariert. Harry Buckwitz beklagte den Mangel an überzeugender Dramatik. Wir seien in einem Wellental der Dramatik ("meinetwegen auch des Theaters"), aber das könne man nicht mit Maßnahmen beseitigen.