Von Marcel Reich-Ranicki

Günter Herburger, geboren im Jahre 1932 im Allgäu, legt sein erstes Buch vor, einen Prosaband. Ein neuer deutscher Schriftsteller also. Und doch weiß er, was er will. Und er kann sogar schreiben. Ein Erzähler ist er. Dennoch hat er etwas zu sagen. Ein noch junger Autor. Dennoch hat er Temperament. In der Bundesrepublik lebt er. Dennoch spielen seine Geschichten meist in der Bundesrepublik.

Ein ungewöhnlicher. Fall? In der Tat: in unserer zeitgenössischen Literatur ist das Selbstverständliche schon ungewöhnlich, während das Ungewöhnliche langweilig wird und man das Langweilige für modern hält.

Mit einem nicht alltäglichen Fall haben wir es auch in einer anderen Hinsicht zu tun. Für viele deutsche Schriftsteller der jüngeren Generation gilt das Wort Chamforts, demzufolge nicht nur die meisten Leser ihre Bücher in ihre Bibliotheken, sondern auch die meisten Autoren ihre Bibliotheken in ihre Bücher stecken.

Von Herburger kann man das nicht sagen. Wer weiß, vielleicht hat er nie "Finnegans Wake" gelesen und nie Becketts "Molloy". Ein poeta doctus scheint er mir nicht zu sein.

Seine Erzählungen verraten also nicht seine Studien und seine Lektüre. Hingegen lassen sie seine bisherigen Erfahrungen ahnen. Er hat in München und Paris Theaterwissenschaft, Literatur und Soziologie studiert, er war Gelegenheitsarbeiter und Privatsekretär in Frankreich, Fremdenführer in Spanien, Straßenarbeiter in Nordafrika, Badaufseher in Italien, Waschmaschinenvertreter in Berlin, Hotelportier in München, Lokalreporter für Provinzzeitungen und schließlich Redakteur bei einer Illustrierten und dann beim Fernsehen.

Wie man sieht, hat er sich tüchtig umgetan. Und das kommt jetzt seiner Prosa zugute. Was immer man ihr vorwerfen mag, Literatur aus zweiter Hand ist das nicht –