Sie stand in Lodź auf der Petrikauer Straße und regelte den Verkehr. Die fünf Kilometer lange Straße, so sagt der Reiseführer, ist "die zentrale Verkehrs- und Handelsarterie" der zweitgrößten Stadt Polens, und nachmittags um vier, wenn die Büros schließen, sieht es aus, als wollten alle 725 000 Einwohner von Lodz auf einmal diese Arterie verstopfen, indem sie verbotswidrig bei Rotlicht und zwischen den Ampeln die Straße stürmen. Nichts als ein höchstens 1,60 Meter großes Persönchen in dunkelblauer Uniform und mit Trillerpfeife hinderte sie daran. Die Uniform war wie alle Polizistinnenuniformen: dunkelblau und brav mit weißer Bluse. Aber die Trillerpfeife steckte zwischen rotgeschminkten Lippen, das Käppi saß auf toupiertem schwarzem Haar, und an den Füßen hatte die kleine Polizistin schicke Pumps. Sie trillerte und tadelte, wie es ihres Amtes war, aber sie verabschiedete keinen Verkehrssünder ohne ein Lächeln. Und unter diesen Sündern gab es zumindest keinen männlichen, der nicht zurückgeblickt hätte – ohne Zorn. Sie zu beobachten, war eine Lektion in Charme.

Ihrem Typus begegnet man immer wieder. In Posen, wo die Mädchen eine schwarze Diorschleife im hochgesteckten Haar trugen, in Breslau, wo sie im Hotel mit Anmut einen Tanzstundenball absolvierten, in Warschauer Warenhäusern, vor Lebensmittelgeschäften, in Cafés, Kirchen und Büros. Im Warenhaus fand sie mit unendlicher Geduld unter vielen teuren Schuhen das einzige Paar, das in Spitze und Absatz etwa der "italienischen Linie" entsprach. Vor dem Metzgerladen stand sie eine halbe Stunde lang in disziplinierter Schlange, um für ihre Gäste Steaks zu bekommen. Im Café hielt sie bei Schokoladewaffeln Hof, und im Büro braute sie, von den Kollegen mit Handkuß begrüßt, aus schlechten Bohnen einen guten Kaffee.

*

"Der Polin Reiz ist unerreicht", heißt es in einer Operette, und Bismarck hat einmal die Deutschen in den Ostmarken vor dem Zauber der Polinnen gewarnt, dem auch die Russen unterlagen: "Russen, die als Beamte ihren Wohnsitz in Polen haben, werden infolge von Heirat mit Polinnen nicht selten dem Polentum gewonnen", berichtet ein altes Geschichtsbuch über die Zeit nach 1866, in der das "Königreich Polen" dem russischen Reiche einverleibt wurde. Heute ist Polen ein sozialistisches Land. Aber daß es anders, daß es heiterer, eleganter, unserer Meinung nach "westlicher" ist als jeder andere sozialistische Staat, ist vermutlich nicht zuletzt diesem "unerreichten Reiz" zuzuschreiben.

*

Marysia, Sekretärin in einer Warschauer Behörde, arbeitet ohne Mittagspause von 7 bis 16 Uhr. Wenn ihr Chef von ihr spricht, sagt er kolega, das heißt Kollegin, aber auch: Kameradin, Genossin. Wenn er zu ihr spricht, sagt er pani, das heißt: gnädige Frau. Und wenn er nach einem besonders arbeitsreichen Tag seine Mitarbeiter nach Büroschluß zu einer Tasse Kaffee einlädt, dann sagt er abschließend: "Ich bedanke mich für Ihre Gesellschaft." Das alles und der Handkuß für die Genossin, die bewußt eine Dame geblieben ist, sind mehr als leere Formen. Es sind Zeichen einer Lebensart, die in ihrem Raum über alle ideologischen Verhaltensweisen triumphiert.

Die junge Marysia ist verheiratet und hat eine kleine Tochter, die tagsüber in der Kinderkrippe ist. Marysia, Janusz und die kleine Marysienka bewohnen eine Zwei-Zimmer-Wohnung in einem Neubau. Den Haushalt erledigen Janusz und Marysia nach Dienstschluß ohne nennenswerte technische Helfer gemeinsam.