Kriminalisten und Ganoven saßen auf der Stuttgarter Sünderbank

eb, Stuttgart

Alles stand kopf: Düsseldorfer Kriminalbeamter zeigt Stuttgarter Kollegen an, Staatsanwalt wird Vorgesetzter der Angeklagten, Frankfurter Kripo bedankt sich bei einem Zuchthäusler, Verbrecher belasten Kriminalisten, Hauptangeklagter ermöglicht Ermittlung von 400 Tätern und Sicherstellung von Goldbarren im Werte von 28 000 Mark, Untersuchungsgefangener übernachtet bei seiner Braut, von fünf Kriminalbeamten werden drei freigesprochen, Zeuge wird im Gerichtssaal verhaftet, die Mitangeklagte wird eine Woche früher aus dem Gefängnis entlassen, gegen den Staatsanwalt wird ermittelt.

Was ist nun des Pudels Kern in diesem Prozeß gegen den Chef der berüchtigten"Pudelbande" und fünf Beamte des Landeskriminalamtes von Baden-Württemberg, der kürzlich vor der VI. Großen Strafkammer des Landgerichts Stuttgart nach mehr als fünf Wochen Verhandlung mit mehr Freisprüchen als Verurteilungen endete? In vielen Fällen konnte nicht einmal der begründete Verdacht erwiesen werden, so daß der Staat außer den Gerichtskosten auch noch die Verteidigergebühren der Angeklagten zahlen muß.

So lautete das Urteil von Landgerichtsdirektor Klenner: Der Hauptangeklagte, der 39 Jahre alte Kriminalkommissar Walter Weipert, erhält wegen zweier Verbrechen der fortgesetzten Begünstigung im Amt, wegen schwerer passiver Bestechung in zwei Fällen, wegen elf Verbrechen der Gefangenenbefreiung und wegen eines Betruges elf Monate Gefängnis; in fünfzehn anderen Fällen, wird er freigesprochen. Ein Mitangeklagter Kraftfahrer des Landeskriminalamts erhält wegen fortgesetzter passiver Bestechung und wegen "Entweichenlassens" eines Gefangenen vier Wochen Gefängnis mit Bewährung. Der Chef der Pudelbande, der 34 Jahre alte Schreiner Wolfhart Gehrke‚ der bereits eine Zuchthausstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten verbüßt, muß wegen Erpressung und aktiver Bestechung einen Monat länger sitzen. Seine ihm in der Untersuchungshaft angetraute Frau Marlies bekam wegen Bestechung in einem Fall noch eine Woche zu den 18 Monaten Gefängnis, die sie bald verbüßt hat. Da ihr jedoch gleichzeitig zwei Wochen Untersuchungshaft zusätzlich gutgeschrieben werden, wird sie eine Woche früher in die Freiheit gelangen.

Luft in der Staubwolke

Von dem vielen Staub, welche die 160 Seiten umfassende Anklageschrift im Sommer aufgewirbelt hatte, ist nach dreizehn Verhandlungstagen nur verhältnismäßig wenig übrig geblieben. In seiner Urteilsbegründung sagte der? Gerichtsvorsitzende: "Auch uns hat das peinliche Gefühl bedrückt, daß Luft in der über diesem Prozeß schwebenden Staubwolke war." Aber: "Unserer Beamtenschaft möge zur Abschreckung die Staubwolke dienen, die durch diesen Prozeß verursacht worden ist."