Von Wolfgang Müller-Haeseler

Es wäre fast ein Witz, wenn die Wirklichkeit nicht so bitter wäre, daß ausgerechnet England, die Heimat der Freihandelsidee David Ricardos, eben diesem Freihandel mit der Erhöhung der Zollmauer um 15 Prozent einen schweren Schlag versetzt hat. Unter allen Maßnahmen, die einem hochentwickelten, modernen Industrieland zur Beseitigung von Notlagen zur Verfügung stehen, hat sich die kaum etablierte Labour-Regierung ausgerechnet eines der klassischsten, im Zeitalter der größeren, wachsenden Wirtschaftsräume aber zugleich auch antiquiertesten Mittel herausgesucht, die Heraufsetzung der Zölle.

Nach den Drohungen Frankreichs, die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft durch einen Boykott zum Tode zu verurteilen, nach den Schwierigkeiten, die de Gaulle in der NATO und in der Atompolitik macht, ist der Schritt der Regierung Wilson eine weitere Sprengladung, die die seit dem Ende des letzten Krieges erreichten Erfolge und die mühsame schrittweise Einigung der freien Welt zu zerstören drohen. Zumindest ergibt sich ein neues Hindernis für die ohnehin gefährdete Kennedy-Runde, die sich im Gegenteil zur englischen Maßnahme eine weitere Befreiung des Welthandels von den Zollbeschränkungen zum Ziel gesetzt hatte.

Welche Begründungen die englische Regierung auch immer vorbringen kann, sie vermag nicht die Tatsache wegzudiskutieren, daß das System des freien Welthandels, das im Ersten Weltkrieg erschüttert und in der Weltwirtschaftskrise zerbrochen wurde, das aber nach 1945 eine glänzende Wiederauferstehung feierte, aufs neue gefährdet wird. Selbst wenn die massiven Zollheraufsetzungen nur vorübergehend in Kraft bleiben sollten, was man bei der allgemeinen Interdependenz von Ein- und Ausfuhren bezweifeln muß, bleibt in jedem Fall ein Schwund an dem Vertrauen, auf dem die internationale Verflechtung des Handels und des Wirtschaftslebens nun einmal beruht; ganz abgesehen davon, daß England sowohl gegen die Bestimmungen des GATT-Abkommens als auch des Vertrages über die Kleine Freihandelszone verstoßen hat, deren Initiator England im wesentlichen war.

Der Rückgriff auf überholt geglaubte Maßnahmen, die dem Instrumentarium der nationalen Kleinstaaterei entstammen, kann der britischen Wirtschaft kaum einen Nutzen bringen, der die weltweiten Nachteile auch nur entfernt wieder aufwiegt. Das Risiko, das die Erhöhung der Zollmauer um die englische Insel in sich birgt, wäre um so unnötiger gewesen, als die internationale Zusammenarbeit der Notenbanken und die Unterstützung durch die Internationalen Organisationen einen Weg aufgezeigt haben, der innerhalb der Gemeinschaft der freien Welt nicht zu fragwürdigen, bestenfalls temporären Erfolgen führen kann, sondern zu einem gerade für England notwendigen Gesundungsprozeß auf längere Sicht.

An dem Beispiel England zeigt sich einmal mehr, daß heute ein weltweiter Handel nicht mehr nach dem Prinzip betrieben werden kann, das einmal vor hundert Jahren am Ausgangspunkt des Freihandels für Nationalstaaten gültig war. Die fortschreitende Technisierung, die internationale Arbeitsteilung, das Heranwachsen von bisher wenig entwickelten Ländern in Afrika und Asien hat nicht nur die Richtung der Warenströme, sondern auch ihre Struktur verändert. Und das in einem Maße, das auch die technisch hochentwickelten Länder als Einzelstaaten vor Aufgaben stellt, die im Alleingang nicht mehr zu lösen sind.

Deshalb ist die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft auch nicht allein ein Mittel zur Überwindung überholter europäischer Kleinstaaterei, sondern eine Notwendigkeit für die Lösung vieler Probleme, die der Welthandel in der heutigen Form mit sich bringt.