Statt Thilo Koch – Theo Sommer, statt Erhard – Erler, statt der Regierung – die Opposition: das vielbefehdete zweite Gespräch stand, der Qualität, dem Schwung und der Präzision nach, turmhoch über dem ersten. Die Attacken waren schärfer, die Repliken konkreter, das Wechselspiel zwischen Frage und Antwort, das Abtasten und Insistieren, Vorprellen und Nachsetzen klappte vortrefflich. Was bei Erhards Monologen unmöglich war: ein Pochen und Beharren, "Sie haben da gerade gesagt" und "etwas genauer, bitte, wenn es geht", konnte im Erler-Gespräch praktiziert werden.

Thilo Koch glich einem Tennistrainer, der seinem reichen Schüler, mit höflichem Lächeln, die Vergeblichkeit aller Versuche im voraus berechnend, die Bälle serviert und nicht die Miene verzieht, wenn der Adept die verschiedenartigsten Schläge mit immer dem gleichen lob retourniert. Dieses Mal hingegen wurde richtiges Tennis gespielt, den stops folgten die longlines, den Schmetterbällen die backhands, von der Grundlinie ging es ans Netz, man kannte die Regeln, und kein Schüler durfte behaupten: wohin ich auch treffe – es ist alles genau überlegt.

Nein, Theo Sommer schenkte seinem Partner nichts, doch Erler konterte klug und wechselte geschickt die Position: einmal ironisch, einmal ernst im alltäglichen Sinn; hier entschuldigend, dort sanft attackierend; einerseits gnomisch und knapp, andererseits witzig und nicht ohne List. (Brandt, sagen die Leute, sei schlecht? Nun, Schumacher galt als zu hitzig, Ollenhauer als zu sanft, Erler wird auch nicht der richtige sein. Sagt, Freunde, wen wollt ihr denn nun?)

Das Charisma freilich hielt sich in Grenzen; kühles Argumentieren, Katheder-Kalkül und das Flair des Juristen werden hier und dort nicht ganz als das erschienen sein, was man gemeinhin unter Charme versteht: Dazu wirkte das Harmonisieren, wirkte der Kontinuitätsnachweis zu auskalkuliert. Da es aber noch viele unter uns gibt, aus deren Jubeltüchlein ein charismatischer Tapezierer Witwenschleier und Notbinden machte, mag Erlers nüchterne Replik, mögen Konzentration, Elan und Geistesgegenwart zumindest all jene bewegt haben, die den großen Worten und bombastischen Gesten mißtrauen. Bestimmtheit und Ruhe, Sachlichkeit und Kenntnisreichtum ergänzten einander – government by discussion hieß die Devise, ein Plädoyer nach Würdigung des Tatbestands: schnell, aber nicht vorlaut, gelassen, aber nicht trocken.

Noch ein paar Details mehr freilich, mehr inside-stories und Informationen, hatten sich, gerade nach den deprimierenden Erhard-Rodomontaden, nicht nur Rudolf Augstein und Theo Sommer von Fritz Erler erhofft. Doch leider wurden auch am Montag zwei oder drei Gretchenfragen zu schnell in Sentenzenwatte gewickelt; Fernziele leuchteten auf, aber die Steinchen vor den Füßen zeigte man ungern... man wollte ja niemandem weh tun. Sogar Seebohm kam, um Jakschens willen, mit einem Hinweis aufs Wörterbuch glimpflich davon. Was aber, zum Teufel, interessiert es die Tschechen, ob man Hitlers Beute mit zahmen oder drohenden Sätzen wiederverlangt?

Wie allzu jämmerlich war dieser Hinweis auf das Wörterbuch – in einem Augenblick, da (ein Beispiel für viele) der Gemeinderat von Tübingen einen Wegweiser aufstellen läßt, auf dessen einem, kühn gen Osten ausgestreckten Arm man die Entfernung nach Eger ablesen kann.

Nach Eger. Nicht nach Auschwitz. Nicht nach Lidice und nicht nach Städten, deren Namen zwar gleichfalls im Wörterbuch, aber nicht auf den Wegweisern stehen – obwohl wir Deutsche doch auch dort sehr intensiv gelebt und gearbeitet haben. (Seltsam, wie sich jeder aus einem Wörterbuch das ihm Gemäße heraussucht und dick unterstreicht, während er die unangenehmen Vokabeln schnell und mühelos vergißt...)

Wähler hin und Wähler her: dem klugen Gegenspieler hätte es angestanden, sich dort nicht mit einem Hinweis auf Etikettenprobleme aus der Affäre zu ziehen, wo der bare Revanchismus beginnt. Momos