Alfred Kantorowicz: Deutsche Schicksale. Intellektuelle unter Hitler und Stalin. Europa Verlag, Wien. 256 Seiten. Paperback, 14,20 DM.

Mit 29 Jahren war Kantorowicz Kulturkorrespondent der "Vossischen Zeitung", mit 34 mußte er vor der SA fliehen, die seine Wohnung demolierte, mit 38 nahm er am spanischen Bürgerkrieg auf der gleichen Seite teil wie Hemingway, mit 42 glückte ihm die Flucht nach New York, als Fünfziger gab er, nach Ostberlin übergesiedelt, in seinem Verlag die Zeitschrift "Ost und West" heraus, als Herausgeber der Werke von Feuchtwanger und Heinrich Mann genoß er literarisches Ansehen, als nahezu Sechzigjähriger ging er, in der sogenannten DDR als sogenannter Intellektueller beargwöhnt, in die Bundesrepublik, die ihn nicht mit offenen Armen aufnahm.

Hier veröffentlichte er das "Deutsche Tagebuch", die bitteren Notizen eines Mannes, der ausgezogen ist, die Gerechtigkeit auf Erden zu suchen, und nicht aufhören kann, ein Deutscher zu sein – und im Pensionsalter, mit 65 Jahren, zeichnet er als Autor eines Buches, das aus einer Galerie deutscher Schicksale besteht. Hier sind, rechnet man die drei bereits im "Tagebuch" erschienenen Skizzen ab, dreizehn Porträts zusammengefaßt, deren erstes 1934 in Paris geschrieben ist und "Standartenführer Krencker" heißt. Es handelt sich um einen SA-Standartenführer, nach eigenen Erlebnissen belletristisch skizziert, der in der Nacht der "Machtübernahme" seinem Gegner, dem Kommunisten, in der eigenen Wohnung Unterschlupf gewährt, mit ihm diskutiert, ihn aber nicht ausliefert. Offensichtlich hat Kantorowicz hier versucht, eigene Erlebnisse zu verarbeiten und selbst denen, vor denen er aus Deutschland hatte fliehen müssen, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Stärker als die literarische Kunstlosigkeit dieser Skizze wiegt die charakterliche Lauterkeit, mit der ein über die politischen Ereignisse fassungsloser Intellektueller den Gegner auf seiner Ebene zu stellen versucht, ohne zu begreifen, daß die Vernunft nichts mehr ausrichtet, wenn der Fahnenrausch begonnen hat – man kennt das auch aus der neueren Vergangenheit. Die Noblesse, mit der Kantorowicz aufrechte Männer seines Erlebniskreises, etwa den Kompanieführer Fritz Giga, den Oberhausener Kommunisten in der Internationalen Brigade, oder die "antifaschistischen" vier Brüder Firl zeichnet, beschämt den Zeitgenossen, der aus Gedankenlosigkeit dazu neigen mag, seine politischen Gegner auch menschlich zu disqualifizieren: diese Kommunisten waren in Zeiten der Angst ohne Furcht und Tadel, Kantorowicz verdeutlicht das, auch in Hamburg wie im Exil lebend, mit großer Eindringlichkeit.

Der Titel des Buches freilich täuscht: weder Standartenführer Krencker noch Giga noch die Firls sind "Intellektuelle unter Hitler und Stalin" und auch der redliche, gut bürgerliche Kaufmann Rudolf Kantorowicz, der Vater des Autors, der im März 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt gestorben ist, war wohl der Typ des nationalliberalen Bürgersmannes, ein Intellektueller war er nicht, wie denn überhaupt dieser Begriff für die Klärung der Verhaltensweisen nichts hergibt: nicht um den Intellekt, sondern um den Anstand geht es diesem Mann, der sich nun einmal mit der Kanaille nicht abfinden kann und so gar keinen Sinn für Macht, aber eine hochgradige Sensibilität für menschliche Gesinnungen besitzt.

Da gibt es zum Beispiel die Geschichte des Dr. Wolfram Sievers, der als Generalsekretär des Amtes "Ahnenerbe" beim Reichsführer SS im Jahre 1942 mitschuldig wird an den Menschenversuchen dieses Amtes, mit anderen Worten, an Morden, die von dieser Behörde verantwortet wurden. In Nürnberg macht man ihm, wie das Friedrich Hielscher. in seiner bedeutenden Selbstbiographie "Fünfzig Jahre unter Deutschen" bereits ausführlich erzählt hat, den Prozeß, am 6. August 1947 wird er zum Tode verurteilt, am 2. Juni 1948 hingerichtet, obwohl der Pater Joseph Wittig, der Dichter Albrecht Schaeffer, der Schriftsteller Friedrich Hielscher für ihn beim Militärgouverneur um Gnade bitten: er wird hingerichtet, obwohl er auf Befehl der um Hielscher tätigen Widerstandsgruppe in die SS eingetreten war.

Als Gegenfigur zu diesem höheren SS-Führer, der das Bodenlose erkunden wollte und schuldig werden mußte, ein Opfer eigener tragischer Disziplin und unerhörter Verwirrung der Begriffe, kann jener Prager Franz Weiskopf gelten, Emigrant wie Kantorowicz, der als intellektueller Gesinnungslump geschildert wird. Mit Ingrimm ironisiert der Verfasser die unverschämte Agilität, die widerwärtige Geschäftigkeit, die verlagerte Phraseologie eines Mannes, der sich immer im richtigen Augenblick den Verhältnissen anpaßt, dessen Unterschrift immer unter dem gerade richtigen Aufruf steht, der beiläufig auch Genossen ans Messer liefert und nach dem Exil als Gesandter in Stockholm, als tschechoslowakischer Botschafter in Peking Karriere macht – kein Zweifel, Kantorowicz bleibt unbestechlich, was die Gesinnung der Intellektuellen angeht, bei ihm gibt es keine "taktischen" oder "optischen" Tricks.