Washington, im November

Schon vor seinem Sieg hatte Lyndon Johnson verkündet, es komme darauf an, die Wunden des Wahlkampfes schnell zu heilen und die – vorübergehend in Frage gestellte – Überparteilichkeit der amerikanischen Außenpolitik wieder herzustellen.

In der Tat hatte der Wahlkampf nicht nur Parteien, Personen und Programme aufeinanderprallen lassen. Barry Goldwater, der republikanische Kandidat, hatte eine radikale Abwendung von der bisherigen Politik vorgeschlagen. Innenpolitisch hätte das den Verzicht auf die Entwicklung Amerikas zu einem modernen Staatswesen bedeutet, das genug kollektive Willensbildung aufbringt, um seine Stärke für die schwachen Mitbürger einzusetzen, und das dennoch dem Individuum Freiheit gewährt, ohne sie in Anarchie ausarten zu lassen. Denn dazu hätte Goldwaters Programm führen müssen: zu schrankenloser individueller Willkür und zur Demontage des gerade erst entstehenden Systems sozialer Sicherungen.

Das Rassenproblem wäre zu einer Angelegenheit des Gefühls und nicht der Verantwortung degeneriert. Die amerikanische Weltpolitik aber wäre in Kraftmeierei ausgeartet und hätte den beharrlichen Versuch aufgegeben, eine Balance zwischen den ostwestlichen Machtzentren zu schaffen. Viele Amerikaner waren, um noch einmal einen Wahlslogan von Goldwater zu verwenden, in ihrem Herzen überzeugt, daß er recht habe; sie waren gewillt, in eine Welt von vorgestern zurückzukehren. Der Triumph Johnsons hat diese Gefahr gebannt. Amerika schaut wieder vorwärts.

Doch gilt es nicht nur, die Wunden zu heilen, die der Wahlkampf geschlagen hat. Die westliche Allianz, schon seit Jahren mehr ein Fetisch als eine Realität, muß neu gegründet werden. Johnson befindet sich dabei in dem Dilemma, daß jeder Versuch, der NATO ein neues Korsett zu geben, die entgegengesetzte Wirkung hat und zum endgültigen Ausscheren Frankreichs führen kann. Die Besorgnis, das könne eintreten, vermindert die Dringlichkeit einer Reform des Bündnisses jedoch um keinen Deut. Es muß lebensfähig bleiben.

Washington ist überzeugt, daß die neue sowjetische Führung zwar bedachter, aber darum vielleicht auch wirkungsvoller als Chruschtschow gegen den Westen operieren wird, sobald die Sowjetunion innerlich wieder gefestigt ist. Auch glaubt Washington, daß die Stimme Pekings auf der Weltbühne lauter und lauter zu vernehmen sein wird. Der Krieg in Südvietnam ist an einen Punkt gelangt, wo sich zwingend die Alternative "Rückzug oder Ausweitung der Kampfhandlungen" stellt. Die Zeit der amerikanischen Improvisationen in Saigon geht ihrem Ende entgegen. Was Johnson elf Monate als Nachfolgepräsident vor sich herschieben konnte, verträgt nun keinen weiteren Aufschub mehr.

Der Wahlerfolg verleiht ihm das Mandat, an alle diese Probleme heranzugehen und die Friedenssicherung zu perfektionieren. Johnson wird danach trachten, das stillschweigende Einvernehmen über die Verhinderung eines Atomkrieges zu einem formalen Abkommen mit der Sowjetunion zu erweitern und um vor allen Dingen die Ausbreitung der Kernwaffen zu verhindern. Schon dieses Stichwort genügt, um den Vulkan von Gegensätzen ausbrechen zu lassen, in dessen Abgrund die Großmannssucht der Verbündeten und die bitteren Rivalitäten unter den kommunistischen Mächten wie Lava brodeln. Dennoch wird Johnson der Aufgabe nicht aus dem Weg gehen können, wenn er sein Wort wahr machen und die Welt näher an den Frieden heranführen will.