Richard Hiscocks: Poland: Bridge for the Abyss? An Interpretation of Developments in Post-War Poland; Oxford University Press, London 1963. 360 Seiten, 42 s.

Unser Verhältnis zu den Ländern des Ostblocks wie insbesondere zu Polen ist durch Ressentiments und Vorurteile bestimmt, die um so nachhaltiger wirken, je weniger oder einseitiger wir über die "Gebiete jenseits der Oder-Neiße-Linie" informiert werden. So stehen dem von Vertriebenenverbänden beschworenen Bild der "polnischen Wirtschaft" unrealistische Vorstellungen gegenüber, die glauben machen wollen, seit dem Oktober 1956 stehe Polen quasi im westlichen Lager. Die vorliegende Arbeit konfrontiert beiderlei Wunschdenken mit den Tatsachen.

Der Verfasser, Professor für politische Wissenschaft an der Universität Manitoba und Autor des Buches "Democracy in Western Germany", bereiste zwischen 1957 und 1961 mehrere Male Polen. Er unternahm die Analyse der Nachkriegsentwicklung des Landes in dem Glauben, daß am ehesten in Polen Chancen und Ansatzpunkte für eine Brücke zwischen den beiden Machtblöcken erkennbar würden.

Im Frühjahr 1953 stirbt Stalin; im gleichen Jahr auch Beria, Innenminister und Chef des Staatssicherheitsdienstes der Sowjetunion; im Mai 1955 reist Chruschtschow nach Belgrad, um seinen Frieden mit Tito zu machen; im Februar 1956 werden auf dem XX. Parteitag der KPdSU die Auswüchse des stalinistischen Regimes angeklagt. – Das sind die äußeren Daten einer Phase, die nach dem Gedicht Ehrenburgs als "Tau" bezeichnet wird. An ihrem Ende stehen der vergebliche ungarische Aufstand und ein Polen, das den Status einer russischen Kolonie abschütteln und den eines Dominions erlangen konnte.

Es war vornehmlich das Verdienst Gomulkas, wenn es den Polen zum ersten Male in ihrer Geschichte gelang, das Äußerste zu erreichen, ohne das Ganze zu gefährden. Getragen von der Sympathie zunächst aller Polen, verstand er in den kritischen Wochen seinen Landsleuten die außenpolitische Zwangslage klarzumachen, die Polen fest an die Seite der einzigen Großmacht binden mußte, die seine neue Westgrenze anerkannte und garantierte. Aus dieser Zwangslage, wie aus der Tatsache, daß Gomulka als polnischer Patriot doch überzeugter Kommunist war, erklärt sich das spätere Vorgehen gegen die Studentenzeitschrift "Po Prostu" und Revisionisten, die über die antistalinistischen Reformen hinaus westlichere Regierungsformen forderten. Denn trotz der Reformen war das Ziel unverändert die klassenlose sozialistische Gesellschaft, nur daß Gomulka seine Auffassung vom eigenen Weg Polens zu diesem Ziel gegen Moskau durchsetzen konnte.

Heute zählt Hiscocks nur etwa zehn Prozent, der Polen zu den überzeugter. Kommunisten. Dennoch würden die Maßnahmen der Regierung Gomulka von fast der gesamten Bevölkerung gebilligt, da man sich klarmache, daß sie den Umständen entsprechend die beste Lösung darstellten.

Hiscocks hofft, und darauf begründet er seine titelgebende These, daß von Polen die Verhältnisse auch in den übrigen Ostblockstaaten beeinflußt würden, wie er das zum Beispiel in der Sowjetunion bemerken zu können glaubt. Allerdings kann er zur Bestätigung auf nur wenige Beobachtungen hinweisen, so daß auch am Ende des Buches die Frage offenbleibt, in welchem Umfang Polen heute schon als Brücke zwischen den Blöcken vermittelt, indem es kommunistische Ideen und Ziele mit westlichen Traditionen und Werten zu einer eigenen Einheit verbindet.

Detlef Kantowsky