Von Kai Hermann

Berlin, Anfang November

In einer Berliner Bar, zu der Damen keinen Zutritt haben, wartete ich auf das "Kennwort". Zwischen den männlichen Gästen an der Bar war derjenige unschwer auszumachen, von dem das verabredete Zeichen kommen sollte. Ein bleiches Gesicht, entzündete Augenlider und nachlässige Kleidung, die ihn in dieser Umgebung verriet. Er war es. Wir tauschten die Parolen aus und gingen. Er entschuldigte sich: dies sei noch der sicherste Ort für solche "Treffs". Hier falle es nicht weiter auf, wenn zwei sich Zeichen geben und dann zusammen verschwinden. "Ihnen mag das vielleicht ein bißchen übertrieben erscheinen. So seltsam ist aber nun einmal der Berliner Alltag."

Mein Begleiter nannte sich "Anton". Er ist hauptberuflich Fluchthelfer. In einem alten Citroen wartete "Oskar" und fuhr im Zickzackkurs durch Westberlin. "Anton" notierte die Nummern der uns folgenden Wagen. Ab und zu hielten wir oder jagten durch dunkle Seitenstraßen, um imaginäre Verfolger abzuschütteln. Auf meine Fragen nach dem Warum antworteten sie mit dunklen Andeutungen. Und als ich bemerkte, daß mich dies alles an eine mittelmäßige Kriminalgroteske erinnerte, wurden sie böse. Zum zweitenmal erfuhr ich, so seltsam sei eben der Berliner Alltag.

Wie seltsam die Gesetze jedenfalls ihres Alltags sind, erfuhr ich dann detaillierter am gleichen Abend in dem Keller eines Malers in Gesprächen mit meinen Begleitern und später auch in Unterhaltungen mit anderen Fluchthelfern. "Anton" beispielsweise trägt unter dem Jackett eine "Wümme" (Waffe). Mit der "Wümme" darf man unter bestimmten Umständen jemanden "umnieten". Freilich lernte ich auch, daß unter Fluchthelfern die Meinungen darüber auseinandergehen, ob und wann man "umnieten" darf. Auch erfuhr ich, daß es Fluchthelfer gibt, die aus sehr ehrenwerten Motiven handeln und solche, bei denen diese Motive offensichtlich nur noch Vorwand für eigennützige Zwecke sind. Eines aber wurde mir immer deutlicher: die Grenzen zwischen Gut und Böse beginnen zu verschwimmen an der Grenze in Berlin.

Da baute in den vergangenen Monaten ein Wolfgang Fuchs seinen siebenten Tunnel unter der Mauer. 57 Menschen flohen mit seiner Hilfe. Aber die Öffentlichkeit erfuhr plötzlich von sehr zweifelhaften Methoden. Fuchs, ehemaliger Schauspieler in Ostberlin und jetzt professioneller Fluchthelfer, nahm viel Geld für seine Hilfe. Er und seine Mitarbeiter verkauften ihre "Story" an Fernsehgesellschaften, Illustrierte und selbständig arbeitende Journalisten.

Das Magazin "Zeitung" behauptete, er habe außer den fünfstelligen Summen von einer CDU-Gruppe und Journalisten ein Kopfgeld zwischen 6000 und 8000 Mark für seine Klienten gefordert. Fuchs dementierte und erwirkte eine einstweilige Verfügung. Freunde, die zunächst mit ihm unter, der Bernauer Straße bohrten und dann aus dem Geschäft ausstiegen, sagen, er habe zu Recht dementiert, denn er habe in einem Fall sogar einen "Unkostenbeitrag" von 25 000 Mark von den Verwandten eines Fluchtwilligen verlangt. Der Betreffende sei dann schließlich billiger von einer anderen Gruppe herausgeholt worden.