Die Kritik am Stabilisierungsprogramm der Regierung Wilsons ist, vom englischen Standpunkt gesehen, noch verhältnismäßig glimpflich ausgefallen. Spitzt sich die Auseinandersetzung doch auf die Importsteuer als einzigen Stein des Anstoßes zu. Zugleich hat England auch den Übergang zu steuerlichen Exportvergünstigungen vollzogen. Geht das Ausland darüber fast wortlos weg, weil man sich bewußt ist, wieviel man in dieser Hinsicht selbst auf dem Kerbholz hat? Die Exportvergünstigungen, mit denen England jetzt einen, unbestreitbar zaghaften, Anfang gemacht hat, könnten durchaus im Laufe der Zeit noch verstärkt werden.

War die Reaktion im Ausland bei allem Verständnis für die englischen Nöte fast einhellig negativ, so war die Aufnahme der ersten Beschlüsse des Labour-Kabinetts im eigenen Land sehr geteilt. Der industrielle Spitzenverband F. B. I. will die Regierung in erster Linie in ihrer Entschlossenheit wankend machen, unmäßig teuere "Prestigeprojekte" abzublasen. Zunächst trifft dies das anglo-französische Überschallflugzeug "Concord". Die Fluggesellschaften, die es eigentlich wissen müßten, stellen den Nutzen einer solchen Maschine in Abrede. Die Entwicklungskosten, mit denen jedes der beiden beteiligten Länder zu rechnen hat, sind von den ursprünglich angegebenen 75 bis 85 Millionen Pfund schon jetzt, keine zwei Jahre später, auf 240 Millionen angewachsen. Wilson dürfte die Öffentlichkeit hinter sich haben, wenn er meint, solcher Aufwand sei nicht zu verantworten. Aber die Lieferindustrien, für deren Interessen die F. B. I. sich so erwärmt, halten an der "Concord" fest, um sich technologisch an ihr hochranken zu können.

Bei den innerenglischen Auseinandersetzungen hat es kaum Funken gegeben, soweit es um die für den Außenhandel gefällten Entscheidungen ging. Daraus kann man aber kaum den Schluß ziehen, Wilson werde überhaupt mit seiner Wirtschaftspolitik leichtes Spiel haben. An den Kern des Wirtschafts- und Finanzprogramms wurde erst in der Thronrede am letzten Dienstag gerührt, die die Königin anläßlich der Parlamentseröffnung abzulesen hatte. Die bisher bekannten Maßnahmen waren lediglich ein paar vordringliche Notmaßnahmen, für die von der Regierung Douglas-Home alles Nötige schon in die Schublade gelegt worden war. Das eigentliche Wirtschaftsprogramm. Wilsons und seiner Mannschaft kommt erst später auf den Tisch.

Wirtschaftsminister Brown und (ihm im Kabinettsrang nachgeordnet) Finanzminister Callaghan mögen aus ehrlicher Überzeugung leugnen, daß die Regierung mit ihrer Importsteuer protektionistische Absichten verfolgt. Die Textilwirtschaft und manche andere Unternehmer finden an diesem Vorgehen Gefallen, weil ihnen Konkurrenzprodukte vom Halse gehalten werden. Mehr oder weniger gelingt es ihnen, sich die Genugtuung nicht zu deutlich anmerken zu lassen. Man hat ein schlechtes Gewissen dabei. Im Gegensatz dazu hat die Autoindustrie klipp und klar verweigert, der Regierung Beifall zu zollen. Im englischen Außenhandel mit Kraftfahrzeugen steht nämlich die Einfuhr weit hinter der Ausfuhr zurück. Die englische Wirtschaft, auf der ganzen Linie, sieht jedoch Anlaß, erleichtert aufzuatmen, weil die berüchtigte Schaltung auf "Rot" – ein Abwürgen der Konjunktur durch Kreditrestriktion entsprechend der bei Devisenbedrängnis in den letzten zehn Jahren gewohnten Routine – unterblieben ist. Johannes Uhlig