Durch eine "staunenswerte Abwesenheit aller asketischen Ideale" sei der Mensch in der industriellen Sozialverfassung gekennzeichnet, so beobachtete Professor Arnold Gehlen. Und doch muß – so meine ich – die alte Tugend der Enthaltsamkeit gegenwärtig und künftig unseren Umgang mit Kindern und Heranwachsenden bestimmen. Es ist – ich weiß es wohl – ein unzeitgemäßes und für manche Ohren geradezu widerwärtiges Wort, eben "Askese", mit dem hier ein wesentliches Stück der erzieherischen Bemühung bezeichnet wird. Dennoch wird wohlbedachte Erziehung wider den Strom schwimmen müssen, will sie sich nicht darauf beschränken, jungen Menschen bei der "Anpassung" zu helfen, darauf also, sie für industrielle Fertigungsprozesse, administrative Leistungen und für einen Konsum fit zu machen, bei dem, womöglich durch Verbrauchertests gesteuert, die Einkünfte zweckmäßig verwendet werden.

Wider den Strom ... Mit einiger Virtuosität, in der sich die subtile Kenntnis von verborgenen Antrieben der menschlichen Natur und das experimentell gesicherte Wissen von der Wirksamkeit bestimmter Reizkombinationen vereinen, wird heute nicht nur den Erwachsenen, sondern auch Kindern und Jugendlichen, den "Teenagern" vor allem, nahegelegt, an allen Gütern teilzuhaben, die Natur und menschliche Erfindungsgabe in schier unübersehbarer Fülle bereitstellen. Sich nichts zu versagen, so lautet die Maxime beispielsweise der allgegenwärtigen Reklame. Oder – besser noch: Man kann nicht anders mit seinen Bedürfnissen fertig werden, als indem man sie kurzerhand befriedigt. Die nahezu unbegrenzte Herrschaft über die Natur erlaubt, alle Dinge, nach denen wir verlangen könnten und noch mehr, zu "machen". Damit sind dann auch alle Widerstände und Hemmungen weggeräumt, die einem unbegrenzten Lebensgenuß im Wege stehen. Verzicht, Enthaltung oder gar – horribile dictu – Fasten können dem Zeitgenossen, jung wie alt, allenfalls durch Gebote des Arztes oder der Mode zugemutet werden, durch die Aussicht also auf eine schlanke Linie, die wiederum Genuß besonderer Art verheißt, oder durch die Vorstellung, daß es möglich sei, jugendliche Leistungsfähigkeit auch über die "besseren Jahre" hinwegzuretten.

Trotz des reichen Angebots ist es ein beklagenswertes Geschick, in das die Jugend gestoßen wird. Sie wird betrogen, und zwar auf mannigfache Weise:

Wie zu allen Zeiten, so sucht auch unsere Jugend nach Formen des Daseins, in denen verwirklicht werden kann, was ihr Auge erspäht: Wahrhaftigkeit, Freiheit, Gerechtigkeit.

Mag sie es nun zugeben oder – bereits in die Irre geführt – verwerfen: Noch immer ist sie gebannt von Idealen, die nicht durch opportunistische Gesichtspunkte eingeengt sind, sondern dem unbedingten Anspruch gerecht werden, den ihr empfindlicher Sinn vernimmt. Wie anders wäre ihre passionierte Kritik an überkommenen Zuständen, an der verlogenen Moral so gut wie am Mangel an Zivilcourage zu verstehen? Mit Entschiedenheit wendet die Jugend den Blick nach innen, um Maßstäbe, Ideen, Entwürfe zu finden, die das Leben erneuern können. Und es ist auch kein Zweifel daran berechtigt, daß sie bereit ist, dem Anspruch zu folgen und ihr Leben in freier Selbstbestimmung und innerer Wahrhaftigkeit zu führen, also noch einmal das Wagnis auf sich zu nehmen, wo die Erwachsenen längst resigniert haben.

Soll sie auf diesem Weg vorankommen, so ist sicherlich zweierlei nötig: Verzicht und Sammlung. Beides wird der Jugend heute nicht mehr vergönnt.

Wie soll wohl gerade die Jugend der aufdringlichen Verlockung widerstehen, ihre Bedürfnisse rasch zu befriedigen? Eine Jugend, die wie eh und je durch gesteigerte Bildsamkeit gekennzeichnet ist und durch das Verlangen, immer wieder zu lernen, was in der Welt Bedeutung und Ansehen hat? Eine Jugend, die umworben wird wie nie zuvor und nun gar das Idol des "großen Stils" abgibt, durch den sich Vierzig- und Fünfzigjährige, Männer wie Frauen, auszuzeichnen wünschen? Ständig werden Wünsche und Ansprüche in den Jugendlichen geweckt, obwohl doch jedermann weiß, daß sie niemals voll befriedigt werden können. Was Wunder, daß junge Leute in eine atemlose Hast getrieben werden, in die Jagd nach dem Genuß, nach dem "Glück", nach modischem Besitz, in die Angst zudem, sie könnten etwas versäumen, wenn ihnen noch nicht zugänglich ist, was attraktive und aufdringliche Anpreisungen als unerläßlich für ihr Dasein bezeichnet?