Im Gegensatz zu der New Yorker Börse, an der die weltpolitischen Störungen, nahezu spurlos vorübergingen, erwiesen sich die deutschen Aktienmärkte gegenüber den aus dem politischen Raum kommenden Störfaktoren als recht empfindlich. Bei der Tendenzbildung spielten weniger jene Spekulationen eine Rolle, die mit dem Sturz Chruschtschows verknüpft worden sind, als vielmehr die leidigen Streitigkeiten innerhalb der EWG, die mit der Drohung de Gaulles, die Wirtschaftsgemeinschaft verlassen zu wollen, falls bis zum Dezember keine Einigung über die Agrarprobleme erfolgt ist, ihren bisherigen Höhepunkt fanden. Es ist müßig, sich darüber zu unterhalten, wer den größten Schaden aus einer solchen Handlungsweise auf sich nehmen müßte, denn die wirtschaftliche Integration ist inzwischen so weit gegangen, daß ihre Auflösung allen Beteiligten beträchtliche Opfer auferlegen würde.

Schon die englischen Sonderzölle auf ausländische Industrieerzeugnisse haben gezeigt, wie störend einschneidende handelspolitische Entscheidungen sein können, besonders für solche Gesellschaften, die sich auf der britischen Insel einen neuen Markt aufbauten. Das ist bei der Automobilindustrie der Fall, aber auch bei den großen Chemie- und Maschinenbau-Unternehmen, deren Aktienkurse zwangsläufig unter den englischen Maßnahmen leiden mußten.

Noch nachhaltiger als die Sturmzeichen in der EWG und die Versuche der Labour-Regierung, die englischen Zahlungsbilanzprobleme zu meistern, schlugen sich die Ergebnisse der letzten Kommunalwahlen in der Bundesrepublik auf die Börsenstimmung nieder. Man sieht am Horizont bereits einen Bundestagswahlsieg der SPD heraufziehen und vermag sich nicht vorzustellen, daß eine Links-Regierung eine kapitalmarktfördernde Politik betreiben wird. Allerdings fühlt man sich von der gegenwärtigen Bundesregierung in diesem Punkte kaum noch verwöhnt. Von verschiedenen Seiten wird gegen die restriktive Konjunkturpolitik von Bundesbank und Bundesregierung Sturm gelaufen. Bislang allerdings ohne sichtbaren Erfolg.

Die Restriktionsmaßnahmen haben zu einer Einengung der Bankenliquidität geführt; sie zwingt die Kreditinstitute, an der Börse mit Zurückhaltung zu operieren und eher zu verkaufen als zu kaufen. Und zwar unabhängig davon, ob sie das gegenwärtige Kursniveau als niedrig oder hoch empfinden. Ihre Abstinenz hat zur Folge, daß die aus den USA zurückfließenden Aktien in der Regel nur zu weichenden Kursen untergebracht werden können. Käufer sind ausschließlich sogenannte "Großanleger" die langfristig disponieren, aber es mit der Anreicherung ihrer Bestände keineswegs eilig haben. Das breite Publikum ist durch die Kursrückgänge der letzten Zeit entmutigt, aber noch nicht so weit, daß es sich von seinen Aktien löst

Eine Änderung der Börsensituation wird erst dann eintreten, wenn die Anleger den auf lange Sicht kursbestimmenden Faktoren wieder größere Beachtung schenken werden. Sie sind günstiger, als allgemeinhin angenommen wird. Die Industriegewinne steigen, und es deutet noch nichts darauf hin, daß der konjunkturelle Aufschwung bereits einem Ende entgegengeht. Natürlich herrscht Enttäuschung darüber, daß sich die für 1964 zu erwartenden besseren Jahresergebnisse kaum in höheren Dividenden niederschlagen werden. Aber ist die Barausschüttung wirklich der wichtigste Maßstab für die Bewertung der Aktienkurse? Ist es nicht richtiger, den Gesamtgewinn einer Gesellschaft zu berücksichtigen? Wenn man die letzte Frage bejaht, muß vorausgesetzt werden, daß die Unternehmen ihre wirklichen Gewinne auch rechtzeitig und weitgehend sichtbar machen. Und zwar so, wie es die Farbenfabriken Bayer jetzt getan haben, die als erste deutsche Gesellschaft exakte Angaben über Zwischengewinne macht. Die Wirkung dieser Offenheit schlug sich am Wochenbeginn sofort in einer Geschäftsbelebung bei den Aktien der Großchemie nieder. Bayer hat gezeigt, daß es auch bei uns möglich ist, Gewinnzahlen während eines Geschäftsjahres zu veröffentlichen. Andere Unternehmer werden es sehr schwer haben, das Gegenteil zu beweisen.

Eine positive Reaktion erfolgte auf die Nachricht von der Zusammenarbeit Daimer/Volkswagenwerk, die durch die Beteiligung des Volkswagenwerks an der Auto-Union GmbH, Ingolstadt (bisher im Alleinbesitz bei Daimler) ihren Anfang genommen hat. Allerdings wurde die Wirkung dieser Nachricht durch die allgemeine Börsenmisere abgeschwächt. Der Berufshandel realisierte Kursgewinne, als das Publikum bei VW und Daimler "einzusteigen" begann. Eine gewisse Aktivität herrscht immer noch bei den Erölpapieren. Sie wurden bisher kaum durch die ihrem Höhepunkt entgegenstrebenden Auseinandersetzungen auf dem Energiegebiet in Mitleidenschaft gezogen. Im Mittelpunkt aller Börsenphantasie steht immer noch das Erdgas, von dem offensichtlich Wunderdinge erwartet werden. Die Hoffnung auf große Erdgasfunde ist so groß, daß die Einbußen, welche die Ölgesellschaften auf dem Heizölmarkt hinzunehmen hatten, einfach nicht zur Kenntnis genommen werden. Kurt Wendt