Bonn, Anfang November

Wird es Konrad Adenauer mit seinem massiven Angriff auf die Außenpolitik Erhards bewenden lassen, oder werden dieser einen Attacke andere folgen? Im Fraktionsvorstand und in der Fraktion wurde deutlich gesprochen: Weitere Kritik solcher Art will die Union nicht hinnehmen. Aber solche Warnungen und Versöhnungsszenen zwischen Adenauer und Erhard hat es früher auch schon gegeben. Diesmal hatte Adenauer sich lange an den vereinbarten Waffenstillstand gehalten. Aber am vergangenen Wochenende hat er ihn wieder gebrochen.

Hat ihn die Sorge über die Wahlschlappen der CDU so gereizt, daß er die Flucht in ein Massenblatt antrat? War es die Furcht, sein liebstes politisches Kind – die deutsch-französische Aussöhnung – schwebe in ernster Gefahr? Hält er diese Gefahr für so groß, daß ihm die Warnung wichtiger ist als die Wirkung auf die Öffentlichkeit und damit auf die CDU-Wähler? Oder wollte er mit der Kritik an Erhard und Schröder kurz vor seinem Gespräch mit de Gaulle ein freundliches Klima im Elysée-Palast schaffen?

De Gaulle wird sich mit freundlichen Gesten freilich kaum zufriedengeben. Er verlangt, was man in Bonner Regierungskreisen nicht wahrhaben wollte und auch jetzt noch nicht wahrhaben will: Die Bundesrepublik soll die politische Konzeption des französischen Staatschefs unterstützen. Dies würde unter anderem bedeuten, daß Bonn auf die Teilnahme an der MLF verzichten müßte. Wäre das mit einem Kanzler Erhard, wenn er nur einen anderen Außenminister hätte, zu machen?

Die Fraktion der CDU/CSU hat solche Erwägungen von sich gewiesen. Erhard hat immerhin in der ersten Verärgerung über das Interview mit seinem Rücktritt gedroht. Gerstenmaier erörterte zwar – nicht spontan, sondern auf Fragen von Journalisten – das Problem, ob durch den Rücktritt des Bundesaußenministers das Klima zwischen Bonn und Paris verbessert werden könnte (daraus wurde ihm der Vorwurf gemacht, er scheine mit seiner möglichen Ernennung zum Bundesaußenminister zu kokettieren), aber auch er war sich durchaus bewußt, wie eng der Spielraum für den deutschen Außenminister in dieser Situation ist.

Nach seiner Rückkehr aus Paris, wo er auch mit de Gaulle ein ausführliches Gespräch hatte, berichtete Gerstenmaier dem CDU-Vorsitzenden Adenauer über seine Eindrücke in der französischen Hauptstadt. Adenauer fragte ihn, was er davon halte, wenn Erhard an de Gaulle einen Brief schriebe, den er, Adenauer, überreichen würde. Gerstenmaier erblickte in diesem Vorschlag, der die Übereinstimmung der Vorstellungen des Bundeskanzlers und des CDU-Vorsitzenden hätte dokumentieren können, eine nützliche Anregung. Um so überraschter war er, als dann die Bombe des Adenauer-Interviews platzte. Auch Barzel und andere CDU-Prominente waren überrascht. Ob aber wirklich alle in der CDU – und mehr noch: CSU – über diesen Streich Adenauers so erstaunt waren?

In Bonn gibt es eine ganze Reihe von Abgeordneten und hohen Beamten, die meinen, Adenauer habe gezeigt, daß er nicht mehr der große Taktiker von einst sei. Er habe sich einfach von einer üblen Laune hinreißen lassen. Manche Bemerkung, die er im Fraktionsvorstand gemacht hat, könnte so gedeutet werden. Allerdings sagte er dort auch, das Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland könnte besser sein. Er sprach es nicht aus, aber es war unmißverständlich zu spüren, unter wessen Leitung das Verhältnis besser sein könnte: unter seiner. So waren denn auch Spekulationen im Schwange, daß Adenauer mit der Zusicherung aus Paris zurückkehren könnte, es würde sich in dem deutsch-französischen Verhältnis alles wieder einrenken, wenn nur Bonn auf die Teilnahme an der MLF verzichte; dann könnte man sich sogar über den Getreidepreis vorläufig verständigen ...