HAMBURG (Galerie Brocksfedt):

"Christian Schad"

Diese Bilder aus den 20er Jahren, "Gesichter der 20er Jahre", sind es wert, daß man sie aus ihrer Verborgenheit und Vergessenheit herausgeholt hat, daß sie 35 Jahre später noch einmal gezeigt und neu gesehen und diskutiert werden. Der, Maler Christian Schad soll, wie man der Dokumentation entnehmen kann, sehr berühmt gewesen sein, in den goldenen 20er Jahren, als er in den großen Berliner Galerien und auch außerhalb Deutschlands ausstellte; als er Papst Pius XI. porträtierte und als Max Osborn ihm eine Monographie widmete, aber auch schon vorher, als einer der aktivsten und einfallsreichsten Dadaisten im Zürcher Kreis um Hans Arp und Tristan Tzara. In den bösen dreißiger Jahren mußte er froh sein, im Auftrag der Stadt, in die: er sich geflüchtet hatte, die Stuppacher Madonna kopieren zu dürfen, eine jahrelange Arbeit, die ihm, da er auf künstlerische Ambitionen verzichten mußte, dank seines altmeisterlichen minuziösen Pinsels gut lag. Nach 1945 hat er dann den Anschluß nicht mehr so recht gefunden, seine neue Produktion war einmal ohne sonderliches Echo in Braunschweig ausgestellt. Aber nicht sie steht zur Diskussion, sondern seine Malerei der 20er Jahre, die Porträts von bekannten und unbekannten Zeitgenossen, man sieht eine "Lotte"" und eine "Lola", den Komponisten Josef Hauer und die Pianistin A. Gabbionefa und Egon Erwin Kisch, den "rasenden Reporter". Das Porträt, sagte mir einer seiner alten Freunde, soll ihm sehr ähnlich sehen, er soll auch seine Tätowierungen, die er sich teilweise aus Japan mitgebracht hat, freigebig und stolz zur Schau gestellt haben. Der verfettete Intellektuelle mit dem tätowierten Wanst – ein dankbares Sujet für komische, groteske, karikaturistische Übertreibungen, auch für psychologische Deutungen. Aber Christian Schad, kühl bis ans Herz und völlig humorlos, hat keinen Blick dafür, die Psyche des den Matrosen mimenden Schriftstellers interessiert ihn nicht. Mit lapidarer Sachlichkeit, mit unbeteiligter Härte stellt er den Mann ins Bild, vor das schräge Kreuz der Metallgerüste. Ein großes Beispiel für den radikalen Verismus der 20er Jahre, ohne jedes sozialkritische oder politische oder menschenbrüderliche Engagement, wie bei Georges Grosz und oft auch bei Dix, ohne den Zug ins Romantische, den die Sachlichkeit bei Schrimpf und Kanold annimmt, ohne eine Spur von dem viel berufenen "magischen Realismus". Was die Figuren an Räumlichkeit und Umwelt mitbekommen, ist nur ein weiteres Mittel, den Menschen gänzlich zu isolieren. Christian Schad ist deshalb ein wichtiger Maler, weil er eine extreme Position markiert, den äußersten Punkt, bis zu dem das Pendel vom expressionistischen Seelenporträt der vorangegangenen Jahre überhaupt ausgeschlagen ist. Neben den Bildern sind auch Zeichnungen und Druckgraphik ausgestellt. Bis zum 26. November.

KÖLN (Kunsthaus Lemperfz):

"Alte Kunst"

Rund 2400 Objekte werden, vom 11. bis zum 14. November bei Lempertz versteigert. Ungewöhnlich reich ist das Angebot an Gemälden und Skulpturen des 14. bis 16. Jahrhunderts, das Material kommt aus einer bedeutenden Schweizer Privatsammlung. Ein Amberger-Porträt, eine "Anbetung" von Lorenzo di Credi, eine "Maria Magdalena" von Isenbrant, drei Bilder von Barthel Bruyn d. Ä., Madonnen von Scorel und Aelst, Landschaften von Momper geben eine Vorstellung vom Niveau der Sammlung. Sehr attraktiv ist die Abteilung der Niederländer des 17. Jahrhunderts, mit Ruisdael, Jan Steen, Ostade, Terborch, Pieter de Hooch, van der Neer, Govert Flinck und vielen anderen klangvollen Namen. Unter der mittelalterlichen Plastik finden sich neben einzelnen Spitzenstücken viele Objekte, die auch für den kleinen Sammler interessant und erschwinglich sind. Außerdem: Kunstgewerbe jeder Art, Möbel, Tapisserien und eine reiche Kollektion ostasiatischer Kleinkunst. – Am 21. November wird Dr. Rolf Hanstein in seinem Haus eine neue Galerie "lempertz contempora" eröffnen, wo in Zukunft die Auktionen Moderner Kunst stattfinden sollen. Außerdem will er hier, zwischen den Auktionen, zeitgenössische Künstler ausstellen. g. s.