Schauspiel von Heinrich Mann

Kölner Schauspielhaus

Beim Neuaufbau des Kölner Schauspielensembles ist eine profilbildende Note sichtbar geworden. Sie zeichnete sich schon in den stilleren Partien von Arno Assmanns „Julius-Cäsar“-Inszenierung ab als das Streben nach psychologisch minuziöser Charakterisierung. Bei der Inszenierung eines nach 1917 erfolgreich gewesenen Schauspiels von Heinrich Mann ging Max P. Ammann konsequent von der schauspielerischen Einzelfigur aus und differenzierte den Dialog mit feinem Gehör für Persönlichkeitswirkungen und Zwischentöne.

Das Stück dürfte der Gegenwart allerdings kaum zurückzugewinnen sein. Es spielt kurz vor dem Sturm auf die Bastille und nimmt eine Anekdote zum dramatischen Vorwand. Die Frau des Strumpfwirkers Legros hat einen Zettel aufgefangen, auf dem der historisch beglaubigte Herr de Latude mitteilt, daß er seit 43 Jahren unschuldig und vergessen in der Bastille schmachte. Madame Legros unternimmt für den ihr unbekannten Häftling eine gefährliche Rettungsaktion. Als sie schließlich durch das Eingreifen der Königin Erfolg hat, wird Madame Legros wie eine Heilige verehrt. Freilich hat sie sich bei der Berührung mit den Mächtigen schmutzige Hände machen müssen. Während ihre Tat weiterwirkt als Fanal zum Sturm auf die Bastille, kehrt die Weißnäherin in ihres Mannes Kurzwarenlädchen zurück. Mit der Wiederherstellung der kleinbürgerlichen Idylle bricht Heinrich Mann die Handlung ab; er wird der Geister, die er zwecks Enthüllung von Mißständen beschwor, dramatisch nicht Herr.

Es ließe sich denken, daß eine reife, virtuose Schauspielerin die in ihren Erlebnisphasen vom Autor nur skizzierte Hauptgestalt zum Anlaß für großes Rollentheater nähme. Damit könnte, man szenisch ein vorrevolutionäres Sittenbild verbinden. Max P. Ammann hingegen mied die Historienmalerei. Jürgen Rose hatte ihm Bühnenbilder und Kostüme entworfen, die das ändert. regime so artifiziell wie makaber stilisierten. Als die bräunlich getönte Enge einer Pariser Straßenschlucht dem blendenden, weiträumigen Weiß einer höfischen Szene wich, durfte man sich an Traugott Müller erinnert fühlen.

Die Titelrolle wurde von der jungen Elisabeth Orth aus dem einzigen Ton entwickelt, der ihr vom Autor als Grundmotiv gegeben ist. Mit immer neu variierten Ansätzen gelang eine in sich gegründete Gestalt. Ihr flammender Sinn für Gerechtigkeit förderte ein erschreckendes Zeitpanorama zutage. Präzis umrissene, von persönlichem Sprachklang geprägte Figuren spielten darin Friedl Münzer (Marquise), Brigitte Drum mer (Königin) und Renate Grosser (Comtesse). An Männern profilierten sich unter den Aristokraten Günther Ungeheuer (d’Angelot), unter den Bürgern Lothar Ostermann (Legros). Wie Renate Schubert nach Bett und Platz der Haus- und Ehefrau Legros strebte, das zeugte auch von mimisch-optisch dezent pointierender Regie. Die Aufführung findet starken Anklang beim Publikum. Johannes Jacobi