Von Horst Hachmann

Zur Zeit befindet sich Mister Chib auf einer Good-Will-Reise durch die Bundesrepublik. Dieser Mann im perfekt geschneiderten Maßanzug ist der professionelle Globetrotter der indischen Regierung. Sein offizieller Titel: Generaldirektor für touristische Fragen Indiens. Seine Aufgabe: Indien als das Nonplusultra aller Fernwehsehnsüchte in das Bewußtsein der Bundesrepublikaner zu rücken. Bisher war der Klang der indischen Werbetrommel nämlich nur schwach vernehmbar. Deshalb hat man nun auch die Trommelstöcke dieses Instruments einer deutschen Werbeagentur in die Hände gedrückt.

Im vergangenen Jahr sind sage und schreibe 140 821 Touristen in den asiatischen Subkontinent gekommen. Den Löwenanteil dieser mehr als bescheidenen Fremdeninvasion stellten die Amerikaner mit 38 918 Gästen. Dann folgten die Engländer mit 23 204 Touristen. Deutschland rangiert in der Skala der Devisenbringer an fünfter Stelle. Genau 5641 Westdeutsche besuchten den Ganges und das Tadsch Mahal. Diese Zahl erschien dem agilen Herrn Chib zu gering, und so beschloß er, die Koffer zu packen und an den Rhein zu reisen, um für sein Land zu werben. Denn, so sagte sich Mister Chib, ein Land, das Jahr für Jahr fast die Hälfte seiner Einwohner auf die Reise schickt (so die neueste Statistik, die als Tourist allerdings auch die Geschäftsleute und zwar mehrfach zählt, jedesmal, wenn sie die Bundesrepublik verlassen), ist auch für Indien ein längst nicht voll ausgeschöpftes Reservoir.

Natürlich sind die eigenen Unzulänglichkeiten keinem besser bekannt als dem Chef des indischen Tourismus. Deshalb brachte er nicht nur schöne Postkartenphotos und farbenfrohe Prospekte mit nach Deutschland, sondern auch die Ankündigung eines neuen Fünfjahresplanes zur Förderung des Fremdenverkehrs. Im indischen Etat sind für die Jahre 1966 bis 1971 runde 250 Millionen Mark eingeplant, die zum Bau neuer Hotels, zur Verbesserung der Verkehrsverbindungen und nicht zuletzt zur Aufschließung neuer Touristenzentren verwendet werden sollen. Schon heute wird der Gast in Indien wie ein Maharadscha behandelt, argumentiert man beim indischen Fremdenverkehrsbüro. In absehbarer Zeit will man ihn. noch königlicher betreuen.

Am guten Willen der Fremdenverkehrsexperten dieses Riesenlandes ist nicht zu zweifeln. Noch rechtzeitig hat man in Neu Delhi erkannt, daß der Tourismus als Industrie fast die gleiche Bedeutung für das Land hat wie die Stahlwerke in Rourkela, daß die Investitionen, die man in Hotelneubauten steckt, sich hundertfach verzinsen. Zunächst jedoch muß, so sagten sich Mister Chib und seine Mitarbeiter, das Vorurteil abgebaut werden, daß Indien ein "Abenteuer" sei. Dank deutscher Werbehilfe wird man also zunächst systematisch die Bundesrepublikaner darüber aufklären, ein Besuch des Tadsch Mahal sei genausowenig abenteuerlich wie der des Grabmals von Theoderich in Ravenna und das Baden im Golf von Bengalen ebenso ungefährlich wie das an der Küste von Mallorca. Und wer es wünscht, bekommt von Stund an eidesstattlich versichert, daß die Nahrungsmittel in den empfohlenen Hotels so hygienisch seien wie im Waldorf Astoria und das Trinkwasser vor den strengsten Untersuchungen amerikanischer Kontrollbehörden bestehen könne.

Wer heute schon Maharadscha für drei Wochen sein will, ist gut beraten, wenn er im Reisebüro vier Tausendmarkscheine auf den Tisch blättert und sich für das indische Abenteuer, das nach offizieller Lesart gar keines ist, exakt vorbereiten läßt. Auf Wunsch wird das Pauschalarrangement auch – gegen entsprechenden Aufpreis natürlich – den Abschuß eines bengalischen Tigers oder den Ritt auf einem Elefanten enthalten. Diese Tigerjagd ist bis heute übrigens eine der Hauptattraktionen des Landes. Es gibt Firmen, schätzungsweise fünfzehn an der Zahl, die alles bis ins Detail organisieren: Sie empfangen den Jagdgast am Flugplatz, besorgen Abschußgenehmigung, Waffen, Zelte und Führer. Sie sorgen für Verpflegung und Bedienung. Und wer wie ein Fürst auf die Pirsch gehen will, für den wird gar ein Elefant gesattelt. Allerdings kostet ein solcher Spaß gut und gern seine 5000 Dollar. Doch die "Times of India" warnte unlängst: Der Königstiger von Maisur sei im Laufe der letzten Jahre völlig aus dem Lande verschwunden, und auch die Leoparden seien selten geworden. Wenn der Wilderei kein Einhalt geboten wird, ist es bald zu Ende mit dem devisenbringenden Jagdgeschäft ... Eine Indienreise, die, wenn nicht gut geplant, in einer Gruppe unternommen wird, wird nicht nur viel teurer, sondern vorläufig auch noch ein großes Abenteuer bleiben. Für manche ist das sogar eine wohlbedachte Verlockung. Doch selbst dann, wenn man mit einer Gesellschaft reist, wird man mehr als in anderen Ländern den Gesetzen des Subkontinents unterworfen. Man versteht es zwar gut in Indien zu improvisieren und zu organisieren, doch einige Überraschungen muß man immer mit einkalkulieren.

Indiens Prohibition ist schuld daran, daß Whiskytrinker tief in die Brieftasche greifen müssen, wenn sie nicht auf ihr Lieblingsgetränk verzichten wollen. Selbst in den "europäischsten" Hotels wird im Speisesaal kein Alkohol ausgeschenkt. Man kann nicht einmal eine Flasche Bier zum Mittagessen bekommen. Man hat staatlicherseits jedoch eingesehen, daß solche drakonischen Maßnahmen Touristen vergrämen. Also hat man in den großen Häusern der Gastronomie sogenannte "Permit-Rooms" eingerichtet, in denen der Ausländer für etwa sieben bis neun Mark einen Whisy-Soda schlürfen oder für drei Mark eine Flasche Bier trinken kann. Allerdings muß er bei der Bestellung sein Liqueur-Permit vorweisen. Diesen alkoholischen Freibrief beantragt er am besten schon in der Heimat gemeinsam mit seinem Visum. Mister Chib hat nun versprochen, daß künftig auch hier Erleichterungen eingeführt werden. Das touristische Fünfjahresprogramm sieht auch die Einrichtung von Alkoholgeschäften vor, in denen der Ausländer gegen Devisen billig einkaufen kann.