Auch der Ärmste hat ein Bett, und sei es, daß er, in eine alte Wolldecke gewickelt, auf dem Fußboden liegt, sei es, daß er wie jener Nubier, den ich in Kom Ombo betrachtete, auf den Maschen eines bettgroßen Drahtkäfigs ruht; die Unterlage war der ägyptischen Gurten-Couch nachempfunden, und der Mann hatte unter sich die Hühner, seinen einzigen Besitz, den er noch im Schlaf bewachte. Nun aber erst die Wohlhabenden. Es scheint so, daß wir, jedenfalls in den Städten, die kargen Zeiten der Strohschütte, des biedermeierlichen Kastenbettes, ja, auch das hygienische Weiß aus dem Niedergang der Bettkultur im vorigen moralischen Jahrhundert hinter uns haben. Auch das häßliche englische Metallbett ist nur noch in finsteren provisorischen Herbergen vorhanden, ein altersschwaches Gestell, in das noch Mr. Bloom‚ der Held in Joyces "Ulysses", kroch, vorsichtig, als beträte er einen Schlupfwinkel oder einen Hinterhalt der List oder der Schlangen – leicht, um sowenig wie möglich zu stören: voll Respekt vor dem Lager der Empfängnis und der Geburt, des Ehevollzuges und des Ehebruchs, des Schlafes und des Todes.

In unseren Tagen des Überflusses haben wir in diesem Punkt wieder Kultur. Fast können wir uns mit den Römern messen. Die Betten sind zwar nicht so kostbar, aber groß und bequem. Ein Berliner Bettenhaus, das kürzlich Bettwäsche, besser: überreiche Bettgarnituren in jubelnden Farben zeigte, konnte sich vor Bestellungen kaum retten. Alte Damen standen verzückt vor den Kojen mit Kissen und Decken in Blumenmustern: Rosen und Kirschen, rosa auf weiß, oder Veilchen, lila auf weiß, verziert mit Rüschen aus Lochstickerei, mit dazu abgestimmten rosa Nachthemden mit Spitzengeriesel, auch Morgenröcke mit Rosen, Kirschen und Veilchen, so auch die Handtuchgarnituren. Und das Bett war übersät mit kleinen und kleinsten Nacken- und Ohrenkissen und Schlummerrollen: immer wieder Rosen, Kirschen, Veilchen. Das Unterbett war elektrisch zu heizen. Die alten Damen seufzten: Ach, könnten wir noch einmal jung sein ...

Junge Leute kauften knallrote, grüne oder blaue Bettbezüge, die mit breiten Streifen in schönem schottischen Karo eingefaßt waren, auch Morgenröcke im Schottenkaro hingen bereit und karierte Pantoffeln. Es gab auch herb männlich und großzügig weiß und tundrafarben karierte Bettwäsche zu Kamelhaardecken, tundrafarben der Morgenmantel und die Nackenrolle.

Wenn aber die Ehefrau in rosa Rosen schlafen will und der Mann im Schottenkaro? Ästheten werden das verneinen müssen. Die einzelnen Sets einschließlich Pyjama, Nachthemd und Hülle für das Heizkissen und die Bettflasche sind aufs feinste zueinander abgestimmt, doch niemand lasse sich einfallen, Karo mit Veilchen zu mischen. Also, wer mit der Mode gehen will, muß einsam schlafen, wozu schon der englische Arzt Dr. Robert Maenish im vorigen Jahrhundert riet und wie den Empfehlungen des modernen Chinesen Lin Yutang zu entnehmen ist, die Kurt Kusenberg in dem Buch "Lob des Bettes" (Rowohlt Verlag) zitiert:

"Körperlich bedeutet das Liegen eine Einkehr bei sich selbst in völliger Abgeschlossenheit von der Außenwelt, wobei man nicht umsonst die Körperhaltung einnimmt, die am meisten zu Ruhe, Frieden und Betrachtsamkeit hinführt. Es ist bestimmt eine der allergrößten Lebensfreuden, im Bett die Beine hochzuziehen. Die Haltung der Arme ist gleichfalls von großer Wichtigkeit, wenn man den höchsten Grad von sinnlichem Behagen und geistiger Kraft erreichen will."

"Am besten", so heißt es weiter, "ist es, man legt sich nicht flach hin, sondern stützt sich in einem Winkel von etwa dreißig Grad auf große, weiche Kissen und legt seinen Arm oder auch beide unter den Hinterkopf. In dieser Haltung kann der Dichter unsterbliche Poesie schreiben, der Philosoph vermag das menschliche Denken umzuwälzen, und dem Naturwissenschaftler gelingen epochemachende Entdeckungen."

Von Alexander dem Großen und Richelieu, von Matisse, von Mark Twain und Proust ist bekannt, daß sie im Bett dachten und arbeiteten. Ob Politiker und Schriftsteller unserer Tage das zu tun pflegen, ist, obwohl wir soviel von ihrer Intimsphäre erfahren, nicht bekannt.