Leos Janàcek: "Tagebuch eines Verschollenen"; Ernst Häflinger, Kay Griffel, ein Frauenchor, Rafael Kubelik (Klavier) (Deutsche Grammophon 138 904 [Stereo], 18 904 [Mono])

Nur wenige dürften den Liederkreis "Tagebuch eines Verschollenen" des tschechischen Komponisten Leos Janácek schon einmal gehört haben. Der Text dieser Lieder hat seine eigene Geschichte: Im Mai 1916 erschien in der Brünner Tageszeitung das in Versen verfaßte Tagebuch eines mährischen Bauernjungen. Es schildert die Liebe zu einer Zigeunerin, derentwegen der junge Mann sich selbst aus dem Elternhaus verbannt, da er weiß, daß für eine Dunkelhäutige kein Platz darin ist.

Janácek schuf aus diesem Konflikt ein kammermusikalisches Drama. Er spürte dem melodischen und rhythmischen Duktus des gesprochenen Wortes nach und erzielt dabei einen knappen, prägnanten musikalischen Ausdruck. Und dadurch, daß er die Zigeunerin direkt auftreten läßt und einen sogenannten "Schicksalschor" hinzufügt, verdichtet er noch das dramatische Element. Die Form des Liederzyklus wird dabei allerdings gesprengt.

Übrigens sollte man sich für die Mono-Fassung der Platte entschließen, da das Klavier in der Stereo-Aufnahme allzu beherrschend wirkt.

"Geigen aus Cremona"; Ruggiero Ricci (Violine), Leon Pómmers (Klavier) (Deutsche Grammophon 136 464 [Stereo], 19 464 [Mono])

Da ist eine ganz erstaunliche Platte erschienen: Ruggiero Ricci, der exzellente Geiger, führt nicht weniger als fünfzehn alte italienische Meistergeigen vor. Wenn auch auf dem Weg der technischen Prozedur sicherlich etwas von dem verlorengeht, was den subtilen Klang einer Violine ausmacht: es ist verblüffend, diese Unterschiede zwischen den Instrumenten zu hören. Und da es kaum einem Menschen gegeben sein dürfte, so viele berühmte Instrumente in natura nacheinander zu hören, ist diese Platte ein Geschenk an alle Liebhaber der Geige.

Fremdartig in ihrem "silbrigen" Kolorit dürften uns heute die ältesten Instrumente des Gasparo da Salò und des Andrea Amati aus der Zeit um 1570 vorkommen. Gerade bei den Schöpfungen des Amati will die Tiefe nicht immer volltönend klingen. Hundert Jahre später baut dann Antonio Stradivari sein Meisterstück, die sogenannte "spanische" Geige. Sie besitzt eine geradezu strotzende Fülle und Farbigkeit des Tons. Diese Kraft ist in den späteren Instrumenten Stradivaris dann wieder gebändigt. Der Ton wird glatter, schmeichelnder, ist jedoch nicht mehr so erregend. Die Linie greift schließlich Giuseppe Guaneri del Gesü auf. Er gibt seinen Instrumenten einen edlen, pastosen, nicht sehr obertonreichen und damit farbschwächeren Klang und kommt so der hochvirtuosen Musik eines Vivaldi, Albinoni, Geminiani und vieler anderer entgegen. Lydia Schierning