An der Ruhr werden die schwarzen Fahnen entrollt. Tausende von Kumpels demonstrieren für die Erhaltung ihrer Arbeitsplätze und drohen mit einem Protestmarsch nach Bonn. Die Regierung, die sich aus Angst vor der "grünen Front" in der Europapolitik vom Kurs der Vernunft hat abbringen lassen, läuft Gefahr, sich nun auch in der Energiepolitik in eine Sackgasse zu manövrieren. Indem sie in Panik, nur um im Jahr vor der Wahl nicht Demonstrationen oder gar einen Streik an der Ruhr zu riskieren, übereilte und unüberlegte Entscheidungen trifft.

Der Kanzler, sowie Kurt Schmücker und seine wackeren Mitstreiter stehen unter schwerem Beschuß. Man muß ihnen beispringen und der Stimme der Vernunft Gehör verschaffen.

Dieses zuerst: die neueste Krise an der Ruhr ist weder auf eine Verschwörung "internationaler Konzerne" gegen die Kohle noch auf Versäumnisse der Bundesregierung zurückzuführen. Sie hat ihre Ursache wie die vorangegangenen Krisen darin, daß die Kohle gegenüber anderen Energieträgern wirtschaftlich und technisch nicht mehr konkurrenzfähig ist. Wenn wir den Energiemarkt dem freien Wettbewerb.überlassen würden, dann müßten bald nicht einige, sondern praktisch alle Zechen schließen.

Daran denkt natürlich niemand. Bonn hilft dem Bergbau seit Jahren mit Milliarden-Subventionen und hat seinen schlimmsten Konkurrenten – das Heizöl – mit einer Sondersteuer belegt. Die Kohleförderung ist denn auch trotz aller lauten Klagen der Ruhr in den letzten sieben Jahren nur ganz geringfügig zurückgegangen, von 150 Millionen Tonnen auf 142 Millionen Tonnen pro Jahr.

Es geht also nicht, wie in der WELT stand, um die Frage "Bergbau oder nicht". Diese Entscheidung ist längst gefallen: Bonn schützt den Bergbau, um nicht völlig von Energieeinfuhren abhängig zu werden und ein Druckmittel gegenüber denölpreisen in der Hand zu haben. Das Gezeter über den "Expansionsdrang der Ölkonzerne" erweckt den Eindruck, als seien Esso und Shell dabei, den deutschen Energiemarkt unter sich aufzuteilen. In Wirklichkeit deckt auch heute noch die Kohle fast die Hälfte des Energieverbrauchs, das Erdöl erst ein Drittel. Und 40 Prozent des westdeutschen Erdölgeschäfts liegt in den Händen von "Zebras", also von Ruhrunternehmen.

Heute geht es darum, daß die Kohleförderung – was einsichtige Ruhrindustrielle seit langem fordern – gedrosselt wird, weil bereits wieder acht Millionen Tonnen auf Halde liegen, Und damit sind wir wieder bei den "schwarzen Fahnen". Die drückende Sorge um den Arbeitsplatz treibe die Kumpels auf die Straße, hört man. Warum sagt ihnen denn niemand, daß sogar im Bergbau noch 9000 Arbeitsplätze unbesetzt sind, über 600 000 in der gesamten Wirtschaft. Seit 1957 sind 200 000 Menschen aus dem Bergbau in andere Industriezweige abgewandert, ohne daß es soziale Spannungen gegeben hat.

Wir sollten uns freuen, wenn heute die Kumpels bei großzügigster sozialer Unterstützung in krisenfeste und angenehme Berufe umsteigen können – und nicht den Versuch machen, sie zu Protestmärschen aufzustacheln.

Diether Stolze