Walter Boehlichs Angriff auf den Rektor der Universität Bonn hat weniger die erwünschten als die erwarteten Reaktionen ausgelöst. Vier Stimmen sollen heute zu Wort kommen: die Universität Bonn, Walter Boehlich, Professor Harri Meier und Thomas Mann.

Universität Bonn:

Erklärung

1. Herr Walter Boehlich hat in einem Artikel, der unter dem Titel "Der neue Bonner Rektor" in Nr. 43 der Wochenzeitung DIE ZEIT vom 23. Oktober 1964 erschienen ist, schwere Anschuldigungen gegen den für das akademische Jahr 1964/65 gewählten Rektor der Universität Bonn, Professor Dr. Hugo Moser, gerichtet. Diese Anschuldigungen bezwecken, Herrn Professor Moser auf Grund einiger Zitate aus einem von ihm 1935 veröffentlichten Artikel in "Der deutsche Erzieher", einem Organ des damaligen NS-Lehrerbundes von Württemberg-Hohenzollern, und eines von ihm mitherausgegebenen Buches "Lieder unseres Volkes" als ungeeignet für das höchste Amt der Universität hinzustellen.

2. Das diesen Anschuldigungen zugrunde liegende Material aus der nationalsozialistischen Ära ist der Universität schon etwa zwei Wochen vor Erscheinen des Artikels auf Grund anonymer Zusendung aus Frankfurt/Main bekannt gewesen. Das gleiche Material ist ebenfalls bereits damals und gleichfalls anonym an die Schriftleitung der genannten Wochenzeitung gerichtet worden.

3. Trotz der Anonymität der Zusendungen hat die Universität sich sofort veranlaßt gesehen, eine eingehende Nachprüfung der Angelegenheit vorzunehmen. Diese hat ergeben, daß die Anschuldigungen, soweit sie sich auf die Sammlung "Lieder unseres Volkes" beziehen, völlig gegenstandslos sind, und soweit sie sich auf den inkriminierten Artikel stützen, als beträchtlich aufgebauscht bezeichnet werden müssen. In jedem Falle sind sie ohne nähere Kenntnis der Umstände erhoben worden, die für die Beurteilung des Sachverhalts wesentlich sind. Bei verantwortungsbewußtem Vorgehen hätte sich der Verfasser diese Kenntnis ebenso wie jetzt die Universität unschwer verschaffen können.

4. Ebenso grundlos ist die von Herrn Boehlich gegenüber der Universität erhobene Anschuldigung, sie habe bis zum heutigen Tage nicht erklärt, wessen Unterschrift unter dem beschämenden Dokument steht, das Thomas Mann am 19. Dezember 1936 (also zu einem Zeitpunk:, als der erst 1947 habilitierte Professor Moser der Fakultät noch nicht angehörte) die Entziehung der Ehrendoktorwürde mitteilte. Was diese Maßnahme betrifft, so ist sie nicht ein Akt freier Selbstentscheidung der Fakultät und Selbstverwaltung der Universität gewesen. Den von der Universität angeblich verschwiegenen Namen hätte Herr Boehlich den beigegebenen Anmerkungen der Briefsammlung: Thomas Mann, Briefe 1937 bis 1947, Fischer Verlag 1963, aber auch schon lange zurückliegenden Zeitungsveröffentlichungen entnehmen können. Thomas Mann hat, wie allgemein und somit gewiß auch Herrn Boehlich bekannt, am 28. Januar 1947 die Ehrendoktorwürde mit einem ausführlichen Dankschreiben an die Philosophische Fakultät wieder angenommen, das mit dem Satz beginnt: "Herzlich und feierlich habe ich zu danken für die Erneuerung des Ehrendoktordiploms und für die schönen, alles sagenden Briefe, welche Sie und der Herr Rektor dem Dokument mit auf den Weg gaben."