Von Marianne Eichholz

Berlin

Kurfürstendamm Ecke Joachimstaler, 8.50 Uhr früh; samstags. Die Dreikommafünfkilometer-Strecke zwischen Gedächtniskirche und Halensee besteht aus kaltem, verwehtem Grau, Häuserlücken und Nachkriegsflachbauten lassen den Himmel in die Straße eindringen, das Plattenpflaster und der Asphalt sind seine Fortsetzung mit anderen Grautönen. An Werktagen gibt’s das Grau nicht, dann schieben Verkehrsampeln Autoströme die Fahrbahn entlang, die Karosseriefarben halten das Grau besetzt.

Täglich 8.55 Uhr tritt ein Herr an den Zeitungsstand vor dem "Kranzler" und kauft die sechs Zeitungen der Konkurrenz. Er fördert den kleinen Stand am U-Bahn-Eingang und kauft nicht bei der internationalen Presse auf der anderen Straßenseite, die, auch ohne ihn ihre zweihunderttausend Jahresumsatz macht.

Der Mann, von Beruf Journalist, nimmt im Parterre vom "Kranzler" Platz, die Serviererinnen frühstücken in einem Raum unter der Treppe, beengt, eilig. Es gilt als abgemacht, daß er keine Wünsche an sie richtet. Nun arbeitet er die Kulturteile der Zeitungen durch, sieht nach, was die Kollegen über die neue Piscator-Inszenierung geschrieben haben. Er ist ein mittelgroßer, unauffälliger Mann, Augen hinter der Brille nicht zu erkennen, allenfalls könnte man sie verhangen nennen, den Mund aber unzufrieden. Am Stralauer Platz ist er geboren, "aber den kennt kein Mensch, er liegt drüben". Zwischen dem Redaktionstelephon und dem in seiner Schöneberger Privatwohnung, dreißig Schritt weit von Gottfried Benns Stammlokal, lebt er ein Journalistenleben und an den Theken von einem Dutzend anderer Restaurants, Eckkneipen und Pinten.

Es ist noch nicht neun Uhr, da kommen Gäste. Ein Ehepaar, Touristen. Sie bleiben im Gang stehen, blicken auf die Serviererinnen, die noch ihren Kaffee kippen. Die Frau sieht ihren Mann fest an. Das heißt, es muß etwas geschehen. Der Mann sagt: "Und das soll eine Weltstadt sein?" Mit geringer Empörung in der Stimme. "Wo sind wir denn hier?" Der Journalist hinter der Zeitung hebt ein wenig die Augen, die nun keine Gedruckte Zeile mehr fassen, aber gesenkt bleiben. Eine Kellnerin ist aufgestanden. "Jawohl", sagt sie zu dem Gast, "wir sind eine Weltstadt. Am Rande. Aber bei uns bricht sie erst um 9.01 Uhr aus."

Der Journalist hat nun die Zeitungen erledigt. Sie werden mich, sagt er, heute kaum zu Hause antreffen. Ich liege in diesen Tagen auf der Straße zwischen Mehringplatz und Checkpoint Charlie. Heute abend bin ich im "City-Café". Zum Dank, daß er sich schon vor Dienstanfang im "Kranzler" aufhalten durfte, läßt er die Zeitungen liegen, die Kellnerinnen können nun schnell einen Blick auf die Tagesereignisse werfen. Das Grau draußen hält sich. Nur die Marmorverkleidung am Hochhausneubau Ecke Bleibtreustraße setzt weiß dagegen.