R. S., Bonn, im November

Über die Rolle, die Dr. Barzel bei den Verhandlungen über die Häftlingsentlassungen gespielt hat, gibt es verschiedene Versionen. Aus einem in der vorigen Ausgabe der ZEIT auszugsweise veröffentlichten Briefwechsel zwischen dem damaligen Minister für gesamtdeutsche Fragen, Rainer Barzel, und der "Vereinigung politischer Häftlinge des Sowjetsystems e. V., Berlin" kann man den Eindruck gewinnen, daß sich Barzel für eine Anregung des Vereins, die Befreiung politischer Häftlinge in der DDR gegen kommerzielle Zugeständnisse der Bundesrepublik zu versuchen, nicht genug interessiert habe.

Nun hatte aber Barzel selbst, zwar ohne Kenntnis des Bundeskabinetts, aber mit Wissen des damaligen Bundeskanzlers Adenauer (und von ihm gedeckt), insgeheim ähnliche Verhandlungen aufgenommen. Sie führten schließlich zur Freilassung von sechs Häftlingen. Über diese Initiative hat Barzel der Häftlingsvereinigung nichts gesagt.

Später, als Barzel nicht mehr Minister war, tauchte der Fall Hofe auf. Pankow zeigte sich an der Freilassung dieses in der Bundesrepublik unter Spionageverdacht verhafteten Ostberliner Verlegers besonders interessiert. Das war der Ausgangspunkt für neue Verhandlungen über einen Gefangenenaustausch. Sie wurden auf westlicher Seite von Barzels Nachfolger Mende in Gang gebracht und führten zur Freilassung von 800 politischen Häftlingen in der DDR. Nach Umfang und Ausgangspunkt standen also diese Verhandlungen in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit der früheren Intervention Barzels.

Eine weitere – zahlenmäßig noch umfangreichere – Befreiungsaktion, über die bereits zwischen den beiden Seiten gesprochen worden war, wurde von Pankow abgestoppt. In CDU-Kreisen gibt man die Schuld daran Erich Mende, weil er nicht – wie vereinbart – geschwiegen hat. Andere hingegen meinen, Ostberlin habe mit dem Abbruch der Verhandlungen seinem Ärger über den Bau jenes Tunnels Luft gemacht, durch den über fünfzig Personen nach Westberlin geflüchtet sind – wobei ein Volkspolizist getötet wurde. Es wird auch vermutet, daß das Zögern Ostberlins mit dem Regierungswechsel in Moskau zusammenhängen könnte, denn die Kontakte zwischen Bundesregierung und Ulbricht-Regime sollen von Chruschtschow begünstigt worden sein.

Peinlich bleibt der Streit der Politiker untereinander um ihren persönlichen, propagandistisch verwertbaren Anteil an solchen humanitären Aktionen.