Der Hofzwerg Seneb mit Familie" ist ein prachtvoll realistisches Werk Altägyptens, in die vierte oder eine etwas spätere Dynastie zu datieren, und zeigt bis in alle humoristischen Details eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Hofzwerg Düdu, unter dessen Ehrpußlichkeit der Junge Joseph am Hofe Potiphars zu leiden hatte und der durch Thomas Mann zu nicht unbeträchtlichem literarischen Ruhm gelangt ist: Düdu, das kleine Scheusal, das sich mit einer Vollwüchsigen beweibte und aufstrebende Kinder zeugte und die kleine Art verleugnete.

Vielleicht – man wünscht es zu glauben – hat der Dichter die aus der Nekropole von Gise stammende Skulptur im Ägyptischen Museum von Kairo bewundert.

Wie sehr hätte ihn der folgende Kommentar erheitert, der ganz mit seiner literarischen Konzeption übereinstimmt: "Der Künstler stand vor dem Problem, wie er den kleinen Mann realistisch darstellen sollte, ohne ihm etwas von seiner Würde zu nehmen. So zeigte er ihn sitzend, mit untergeschlagenen Beinen, deren Kürze man kaum bemerkt. Seine Frau Senatjates, normal gewachsen, sitzt neben ihm und legt mit einer gleichzeitig liebevollen und schützenden Bewegung den Arm um ihren Gatten. Die Fläche an der Vorderseite unter den Beinen des Zwerges, die störend wirken müßte, wäre sie freigeblieben, wird von den Figuren seines kleinen Sohnes und seiner Tochter verdeckt

So beschreibt, in schätzenswerter Prägnanz und Sachlichkeit, die Londoner Ägyptologin Margaret Drower das Kunstwerk, in dem wir das Urbild des kleinen Düdu vermuten dürfen. Text und Bild entnehmen wir einem neuen Croßbildband "Ägypten in Farben" (erschienen bei Droemer-Knaur, München; 160 Seiten mit 59 Farbphotos von Roger Wood; 58,– DM). Die ungewöhnlich schönen, um subtile Farbnuancen, nicht um Effekt bemühten Aufnahmen von altägyptischer Architektur, Plastik und Malerei sind topographisch geordnet, im Sinne einer Reise, die in Memphis beginnt und in gemächlicher Fahrt nilaufwärts nach Abydos und Theben und zu den Tempeln von Kôm Obo und Edfû führt, um in Nubien bei dem Tempel von Abu Simbel zu enden. Zwischen den Besuchen von Tempeln, Ausgrabungsstätten und Museen geht der Blick des Touristen in die Landschaft beiderseits des Nils. Sie wird, im ersten Kapitel der Einführung, nicht nur als Hintergrund, vielmehr als produktives Element für die Kunst des Schwarzen und Roten Landes gedeutet.

Gottfried Sello