Vor einigen Jahren las ich eine kleine Geschichte in einer italienischen Zeitung, die zum Anlaß einer Reise nach Sardinien wurde. Wie viele Hirtenvölker lieben es auch die Sarden, Geschichten, aber noch stärker, sich gegenseitig Geschichten zu erzählen. Dort stammt eine Tradition aus grauester Frühzeit her, die die Hirten des Landes jedes Jahr zu einem Sängerwettstreit versammelt, auf dem die Schäfer in Versen und epischen Versuchen, die sie selbst verfaßt haben, die wichtigsten Ereignisse der Heimat vermelden.

Dort ist es dann auch vor gar nicht langer Zeit passiert, daß der jüngste der Hirten, der als Letzter seine pastorale Kunde vortragen durfte, erleben mußte, wie seine Mitschäfer durch lauen Beifall kundtaten, daß ihrer Meinung nach die Darbietung unter dem gewohnten Niveau geblieben wäre. Ganz erfüllt von einer heroischen Tradition nahm sich der junge Hirt seinen ästhetischen Fehlschlag so sehr zu Herzen, daß er einen romantischen Ausweg suchte: Schweigend schritt er aus dem festlichen Kreise, um sich im Unterholz das Leben zu nehmen.

Mich ergriff diese Begebenheit aus fernen Landen, weil sie aus Zeiten zu stammen schien, die längst vergangen waren. Ich wollte diese Menschen aufsuchen, unter denen sich ein solches, höchst bedenkliches Ereignis abspielen konnte.

Es war eine überaus heiße Nachmittagsstunde, als ich einen der sardischen "nuraghi" besuchte, jene massiven, übermenschlichen Wachttürme aus neolethischer Zeit, die Sardinien ihr besonderes Gepräge verleihen. Einsam ragten die ungeschlachten Quader in den diesigen Sonnendunst. Kein Laut ließ sich vernehmen, keine Bewegung war sichtbar. Plötzlich zuckte ich zusammen. Ein schriller Ton durchschnitt die Stille. So mußte ein "panischer Schrecken" in klassischer Zeit gewirkt haben. Der Ton verfloß in eine eintönige Melodie. Nach wenigen Minuten erblickte ich in einer Talmulde den Flötenbläser, einen jungen Hirten, der im Gras lag und nicht müde ward, sich seine Melodie vorzuspielen. Er war durchaus nicht verlegen, als ich ihn ansprach und ihm erzählte was mich verlockt hätte, ihn aufzusuchen. Er zeigte mir sein Instrument und erklärte mir seine Spieltechnik. Es war die "launedda", eine primitive Rohrflöte, die auf Sardinien langsam auszusterben scheint, da sie nur noch bei gewissen festlichen Anlässen zu hören ist, wenn beispielsweise der sardische Nationaltanz, der "ballo tondo", getanzt wird.

Als ich ihn fragte, wer ihm diese Weisen beigebracht hätte, wurde er sichtlich verlegen. Er schlug mir vor, ihn in seine Hütte zu begleiten. Dies war eine einfache, aber saubere Behausung: zwei Zimmer, durch eine dünne Holzwand voneinander getrennt. Dort mußte ich erst ein Glas Vernaccia mit ihm trinken. Er lächelte verschmitzt und meinte, nun würde er mir die Antwort auf meine Frage geben. Er öffnete einen Schrank und holte ein Grammophon verstaubten Datums hervor. "Ich liebe das Flötenspiel "‚ meinte er dann, "aber es gibt eben niemand mehr in dieser Gegend, der mir alte, sardische Melodien beibringen könnte Dann suchte er sich die wenigen Platten heraus, die er sich Sassari besorgt hatte und die er sich immer wieder vorgespielt hatte, bis er die Melodien auswendig wußte. Sie lagen übrigens inmitten italienischer Schnulzen-Musik. Diese Flötenmusik wird bald nur noch in der Plattenbibliothek eines sardischen Landesmuseums zu hören sein;

Später schritt ich nachdenklich in den Nachmittag hinein und dachte an jenen anderen Schäfer, der noch Ehrfurcht vor einer heroischen Tradition gehabt hatte, als er sich die Kugel durch den Kopf jagte. Cui bono? Alex Natan