Von Marcel

Reinhard Lettau schrieb in der ZEIT (Nr. 23/64), von amerikanischen Kritikern höre man manchmal den Vorwurf: "... der deutsche Roman biete zu oft eine fertig ausgedachte Welt, seine Helden entbehren des Inzidentellen, jener zufälligen, beobachteten, individuellen Merkmale, durch die sie erst glaubwürdig würden."

Hierzu meinte Lettau: "Es ist wahr, daß es bei uns kaum jemanden von Talent gibt, der sich damit zufrieden gäbe, einfach eine Geschichte zu erzählen und sich darauf zu verlassen, daß das Inzidentelle, dem er sich anvertraute, für sich selbst spräche... Das Material muß bei uns verändert, verzerrt, gedehnt, verfremdet, verwischt, gesteigert werden, sprachliche und strukturelle Eingriffe schreiben die Interpretation vor, determinieren das Material, statt es zu befreien."

Warum tun sie es?

Nachdem sich die Wege, die die Kunst im neunzehnten Jahrhundert gegangen war, als nicht mehr begehbar erwiesen hatten, mußten, versteht sich, neue Wege gesucht werden. Das Ziel der Kunst blieb unverändert. Doch konnten zu ihm, schien es, nur noch Umwege führen. Nur noch mit dem Indirekten ließ sich also die angestrebte Wirkung erreichen.

Die Schriftsteller wandten sich dem Surrealen zu. Aber um der Realität willen. Sie verfremdeten das Leben. Um es zu vergegenwärtigen. Sie verschwiegen Gefühle. Um Gefühle zu provozieren. Sie erfanden den Anti-Helden und das .Understatement. Um dem Heroischen und dem Pathos gerecht zu werden. Sie zeigten das Absurde. Um die Vernunft herauszufordern. Sie ließen den Wahnsinn ausbrechen. Um den Sinn zu reizen.

So wurde die Negation zum entscheidenden Faktor der Kunst, der Literatur. Diese Negation bezweckt indes nichts anderes als die Verdeutlichung der Phänomene. Die Denaturierung erfolgt um der Natur willen. Erst die Verunstaltung der Wirklichkeit ermöglicht ihre künstlerische Gestaltung. Aus der Deformation ergibt sich die neue Form. Die Fratze soll aufschrecken und dadurch das Antlitz beschwören. Die Entstellung des Menschen in der modernen Kunst dient seiner Darstellung.