Über nominell 50 Millionen Mark lauteten die Kaufaufträge, die bei dem Bankenkonsortium eingingen, das für die Einführung der stimmrechtslosen Aktien der Braun AG, Frankfurt/Main, namhafte Produzentin elektrischer Geräte, verantwortlich war. Dabei standen nur nominell 4 Millionen Mark Aktien zum Verkauf. Wenn Aktien genug vorhanden gewesen wären, hätte die Familie Braun mit einem Schlag über 190 Millionen Mark verfügen können.

Wenn sich auch die Braun AG überall eines guten Rufes erfreut, so hat sie sich doch diesen Kapitalansturm nicht allein selbst zuzuschreiben, sondern vielmehr den ungewöhnlichen Umständen, unter denen die Börseneinführung ihrer Aktien über die Bühne ging. Firma und Bankenkonsortium hatten angekündigt, daß die Börseneinführung ihrer Papiere zum Kurs von 380 Prozent geschehen sollte und daß auch zu diesem Kurs die Aktien placiert werden würden. Er erschien in Anlegerkreisen als preiswert, zusätzliche Nachfrage entstand durch hoffnungsvolle Verwaltungserklärungen, so daß von vornherein feststand, daß der Einführungskurs von 380 Prozent nur am ersten Notierungstag gelten würde. Später – so rechnete man sich aus – würde er steigen. Mindestens auf 400 Prozent, meinte die Börsenspekulation.

Für das Bankenkonsortium stellte sich nun die Frage, wie es mit der Nachfragewelle, weitgehend spekulativer Natur, fertig werden sollte. Inoffiziell war vor der Börseneinführung zu hören, daß vor allem Klein-Orders voll berücksichtigt werden würden. Zeitweilig hieß es, man würde je Auftrag eine Aktie über nom. 100 Mark zuteilen, ganz gleich wie hoch der gezeichnete Betrag war. Die Folge war eine weitgehende "Aufteilung" der Aufträge. Die letzte Tante wurde aufgeboten, um eine Börsenorder zu erteilen.

Mit schadenfroher Spannung wartete mal in den Börsensälen, wie das Braun-Konsortium die Zuteilungsfrage lösen würde. Es tat es auf eine ungewöhnliche Weise, indem es nur solche Kaufaufträge befriedigte, die genau über nominell 100 Mark lauteten. Wer zwei Aktien zu je 100 Mark haben wollte, ging bereits leer aus. Eine solche Zuteilung gleicht fatal einem Lotteriespiel! Wenn dieses Beispiel Schule machen würde (aber man kann sicher sein, daß das nicht der Fall ist), muß der Zeichnungswillige künftig seine Kaufformulare wie einen Lottoschein ausfüllen. Vielleicht eine Order über 200 Mark, eine andere über 600 Mark oder eine über 900 Mark, in der Hoffnung, auf diese Weise gerade die richtige Summe zu treffen, die das Bankenkonsortium für zuteilungswürdig befinden wird.

Mit der Ausschaltung aller Aufträge, die über höhere Summen lauteten als nom. 100 Mark, hat das Konsortium zunächst einmal alle wirklichen Anleger abgewiesen und in der Hauptsache solche Interessenten berücksichtigt, die mit der Aktie einen schnellen Kursgewinn "machen" wollten. Die Braun-Aktie wurde, so sagt man unverhohlen in Banken und Börsen, zum Papier der Kommis-Spekulation, also von jenen Angestellten, die gerade zwei oder drei Tage lang über 380 Mark verfügten und schnell 400 oder mehr Mark daraus machen wollten. Wer längerfristig an einer Aktie festhalten will, pflegt nach übereinstimmender Meinung der Kreditinstitute nur in den seltensten Fällen einen Kaufauftrag über nom. 100 Mark zu erteilen.

Eine Lehre sollte aus dieser Affäre gezogen werden: Wenn Aktien zu einem festen Kurs placiert werden sollen, so führt dieser Weg nicht über die Börse. Die Unterbringung muß dann das Bankenkonsortium übernehmen. Erst wenn auf diese Weise ein Markt geschaffen worden ist, kann die Börseneinführung angestrebt werden, wobei der Einführungskurs dann durch Angebot und Nachfrage bestimmt wird. Die andere Möglichkeit ist die sofortige Börseneinführung – aber ohne Ankündigung eines festen Kurses, mit dem Ziel, eine möglichst breite Streuung zu erreichen. In der Praxis "ventiliert" man dann seine Kursvorstellungen, überläßt es aber den Anlegern, sich selbst eine Meinung darüber zu bilden, welchen Preis sie zahlen wollen. Am Börseneinführungstag kann sich das Konsortium die vorliegenden Aufträge ansehen und danach einen Kurs festsetzen, der eine vernünftige Berücksichtigung der Käuferwünsche erlaubt. Daß auch dann Zuteilungen notwendig sein werden, ist nicht zu bestreiten und auch nicht zu beanstanden. Schlecht ist nur eine Zuteilung, die von vornherein nur eine kleine Minderheit berücksichtigt und die echten Anleger draußen vor der Tür" läßt. Einen solchen Börsenstart hat die Braun-Aktie nicht verdient! K.W.