Spanien will nicht nur das Land touristischer Attraktionen sein, sondern bemüht sich gleichzeitig eifrig darum, im Konzert der europäischen Industrienationen seinen Part zu spielen. Auch wenn die Anfangserfolge noch nicht so recht ernutigend sind, hat die spanische Regierung doch große Pläne.

Pläne in ganz wörtlichem Sinn. Im Zuge von zwei Vierjahresplänen – von 1964 bis 1967 und von 1968 bis 1971 – sollen nicht nur eine systenatische Expansion der Wirtschaft erreicht werden, sondern auch außerhalb der bestehenden Industriezweige völlig neue industrielle Zentren aufgebaut werden. Trotz der uneingeschränkt dominierenden Rolle des Staates beschränkt sich die Regierung in zunehmendem Maße darauf, die private Initiative durch recht attraktive Anreize zu wecken.

Einer der wichtigsten Schwerpunkte in dem Entwicklungsprogramm nimmt die Stahlindustrie ein, die ihre Produktion bis 1967 verdoppeln, bis 1971 verdreifachen soll. Das bedeutet, daß am Ende der zweiten Entwicklungsphase 7,8 Millionen Tonnen Rohstahl die spanischen Stahlwerke verlassen sollen. Dabei ist es weniger wichtig, ob Spanien sich dann mit der Rohstahlproduktion der klassischen Stahlländer messen kann als vielmehr, daß dieser Stahl zu international konkurrenzfähigen Preisen produziert werden soll.

Neben der Intensivierung der privaten Initiative scheint die Orientierung am internationalen Wettbewerb das zweite wichtige Merkmal zu ein, das die spanischen Pläne auszeichnet. Das ist eine Entwicklung, die in einer zentral gelenkten Wirtschaft keineswegs selbstverständlich ist. Die ersten Folgen des Entwicklungsplans für die Stahlerzeugung beginnen sich im Norden, des Landes abzuzeichnen. In Bilbao, in Santander, in Aviles, in Oviedo und Gijon hat es bisher schon Hüttenwerke gegeben; sie waren jedoch bei Größenordnungen stehengeblieben, die für moderne Walzwerksanlagen von vornherein indiskutabel sind.

In Aviles ist jedoch seit 1950 die erste international vergleichbare Anlage bei der staatlichen ENSIDESA entstanden. Der technische Direktor dieses Unternehmens beantwortete die Frage, ob das Staatsunternehmen gegenüber den anderen sämtliche in privatem Besitz befindlichen Stahlwerken irgendwelche Vorteile habe, mit der ironischen Bemerkung:"Ja, nämlich den, daß uns 30 Millionen Spanier laufend kritisieren."

Tatsächlich hat der Staat den Aufbau dieses Unternehmens durch Steuer- und Abschreibungserleichterungen sowie Ausnahmezölle für importierte Anlagen entscheidend begünstigt. Allerdings können die gleichen Vergünstigungen jetzt auch die privaten Erzeuger in Anspruch nehmen, wenn sie sich zu einer Jahresproduktion von 1 Million Tonnen und einer Modernisierung ihrer Anlagen auf den neuesten technischen Stand verpflichten. Bei diesem Wettbewerb müssen dann aber zwangsläufig viele kleine stahlerzeugende Gesellschaften auf der Strecke bleiben.

So entstehen drei Zentren: neben der staatlichen ENSIDESA das Unternehmen Altos Hornos in Bilbao und die aus dem Zusammenschluß von drei kleineren Gesellschaften neu entstandene UNINSA. Diese drei Unternehmen werden in absehbarer Zeit die ersten Stahlmillionäre Spaniens sein. Bis Ende 1971 sollen diese drei Gesellschaften 5,6 Millionen Tonnen Rohstahl produzieren.