Von Theo Löbsack

Ich kann mich nicht mehr richtig ausdrücken, in meinem Kopf geht so oft das Licht aus." – Mit dieser unheilvollen Metapher kennzeichnete unlängst ein vielbeschäftigter Sparringspartner britischer Schwergewichtsboxer seine Geistesverfassung. Bedrückt fügte er hinzu, sein Denk- und Erinnerungsvermögen sei ihm im Lauf der Jahre fast völlig verlorengegangen. Im englischen Sprachgebrauch nennt man das "punchdrunk".

Der Ausdruck verlangt eine Erklärung. Was ist "Schlagtrunkenheit"? Die Engländer meinen damit den Zustand einer gewissen Benommenheit, in den Boxer geraten, wenn sie wiederholte Kopftreffer und K.o.-Niederlagen hinnehmen mußten, Schläge, denen sie um so häufiger ausgesetzt sind, je öfter im Jahr sie in den Ring klettern.

In England, dem klassischen Land des Boxsportes, ist versucht worden, die schwer definierbare "Schlagtrunkenheit" zu umschreiben. So entstanden Bezeichnungen wie "goofy", "slugnutty", "stumble-bum" oder "slape-happy".... Slang-Ausdrücke, die mehr oder weniger auf den torkelnden Gang, die verminderte Zurechnungsfähigkeit und die geschwächten Sinneswahrnehmungen Bezug nehmen. Für die meisten der an der Schlagtrunkenheit leidenden Fausthelden ist charakteristisch, daß sie entweder einen depressiven Eindruck machen oder eine Art alberner Heiterkeit an den Tag legen. All diese Symptome gehen auf Veränderungen im Gehirn zurück, die der englische Arzt MacDonald Critchley treffend "Chronische progressive traumatische Enzephalopathie des Boxers" genannt hat.

Der Boxkampf, dessen berufliche Praxis von der modernen Gehirnforschung so nachdrücklich verurteilt wird, kann auf eine lange Vergangenheit zurückblicken. Entwicklungsgeschichtlich mag er in dem Augenblick entstanden sein, als der Mensch sich seiner Fäuste bewußt wurde und erkannte, wie wirkungsvoll sie gegebenenfalls Meinungsverschiedenheiten zu beeinflussen vermochten.

Wie in unserer Zeit, so wird es zu jeder Epoche Begeisterte und Ablehner des Boxsports gegeben haben. Plinius pflegte die Boxathleten mit Ausdrücken wie "gefräßig" und "viehisch" zu schmähen, aber ihre oft blutigen Schaustellungen waren deshalb beim Volke kaum weniger beliebt. Im neunzehnten Jahrhundert machten zunächst die Briten, später die Amerikaner aus der Kunst der Selbstverteidigung einen Kult, in dem geschickte Sport-Manager alsbald eine ergiebige Einnahmequelle witterten. So entstand nach den Regeln Lord Queensberrys das heutige Boxen, dessen Ziel es zwar sein soll, Einsatzbereitschaft und Härte, Ritterlichkeit und Fairness zu stählen und gar vorbildlich für männliche Tugenden zu sein – das aber in den letzten sechzig Jahren nichtsdestoweniger rund 400 Berufsboxern das Leben gekostet hat.

Diese bedenkliche Entwicklung läßt sich zum nicht geringen Teil auf die ausgefeilte, sprich gefährlicher gewordene Boxtechnik zurückführen. Mit ihr hat sich die Todesgefahr für einen Boxer, der künftig als Profi in den Ring steigt, beträchtlich erhöht. Die gestochenen Geraden, die rechten und linken Haken, die Schwinger kommen heute mit größerer Energie als einst. Sie kommen gezielter und aus muskelbepackten Körpern, die mit allen Mitteln modernen Trainings hart gemacht sind. Aber das Ziel der Schläge und Stöße, der Kopf des Gegners im Ring, er ist nicht im gleichen Maße härter im Nehmen geworden. Er ist so ungeschützt und empfindlich wie eh und je.