Betrachtungen über die drei Wurzeln einer Modekrankheit

Von Gerd Rinde

Professor Dr. Gerd Rinde lehrt an der Universität Göttingen Bürgerliches Recht, Wirtschaftsrecht und gewerblichen Rechtsschutz

In unserer Generation hat niemand Zeit. Das wissen wir von den Politikern und Managern. Wir sehen es bei unseren Ärzten und Architekten, auch bei Oberkellnern. Schon die Schulkinder glauben, sie hätten "keine Zeit", einmal ein Buch außer der vorgeschriebenen Reihe zu lesen oder Sport zu treiben. Der Herzinfarkt ist nur eine Illustration dazu, ebenso die Verarmung des Familienlebens. Wir sind alle "überlastet" und beklagen das dezent, aber gern.

Nun glaubt jede Generation, ihre Probleme und Schwierigkeiten seien besonders groß, und die Altvordern seien besser daran gewesen. Wir glauben, die Entfremdung zwischen Eltern und Kindern sei nie so stark gewesen wie jetzt, die soziale Struktur nie so ungesund, die Kriegsgefahr nie so tödlich, die Kirchen nie so leer und die moderne Kunst nie so widerwärtig gewesen. Das sind egozentrische Übertreibungen, und mit den Stoikern sollte man sagen, daß die Summen der Leiden, Freuden und Probleme sich in jeder Generation die Waage halten. Also machen wir getrost Abstriche auch von dem Problem des "Zeitmangels". Etwas bleibt aber doch wohl übrig. Im vergangenen Jahrhundert war die Zeit offenbar nicht so knapp. Jedenfalls schrieben unsere Großeltern inhaltsreiche Briefe, sogar Tagebücher. Ich glaube, man hatte auch mehr Zeit zum Musizieren und Lesen. Stellen wir also doch einmal fest, daß die Zeitknappheit etwas Typisches für unsere Generation ist.

In der ganzen Welt ist das sicher nicht so. Schon in Italien und Spanien scheinen die Menschen mehr Muße zu haben, erst recht in Afrika, Südamerika und Neuseeland. Zeit ist knapp in den Vereinigten Staaten und in ganz Deutschland, wohl auch in England. Eine genaue Grenze zwischen gehetzten und ruhevollen Ländern (Frankreich? Schweden? Japan? Rußland?) läßt sich nicht ziehen. Sie ist auch entbehrlich. Betrachten wir nur die Gründe für die Zeitnot hier im Vaterlande.

Erster Grund: Die Kommunikationsmittel