Von Rudolf H. Schlesinger

Im Blickfeld der spektakulären weit-, wirtschafts- und finanzpolitischen Ereignisse der letzten Zeit muß die New Yorker Börsenentwicklung der vergangenen drei Monate geradezu erstaunlich erscheinen. Hätte selbst der kaltblütigste Börsenmann in Wall Street Ende Juli die Fülle der aufregenden internationalen und innenpolitischen Ereignisse der bevorstehenden drei Monate vorausgesehen, so hätte er es für völlig unmöglich gehalten, daß der Dow-Jones-Index der Industriewerte allen diesen aufwühlenden Begebnissen zum Trotz in rund zehn Wochen um 60 Punkte auf 881 Punkte vorrücken würde. Eine Präsidentschaftswahl pflegt üblicherweise bereits genügend Aufregungen und Enthüllungen zutage zu fördern. Jetzt verblaßten die innenpolitischen Kämpfe vor den Ereignissen der großen Welt: Die plötzliche Ausbootung Chruschtschows mit der Unsicherheit, die mit diesem Umsturz in Moskau verbunden ist, Maos Atomexplosion in der Wüste Takla Makan und der Sieg der Labourregierung in England. Doch all diese Ereignisse vermochten den Optimismus des Aktienmarktes nicht zu erschüttern!

Nicht einmal der Streik gegen die General Motors Corporation und die bis zum Augenblick noch immer fortdauernden unerquicklichen Verhältnisse in der Automobilindustrie, in der sich die regionalen Gewerkschaftsgruppen nicht mit den Betriebsleitungen von General Motors, American Motors und Ford über lokale Streitfragen einigen können, vermochten den New Yorker Aktienmarkt aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Den Hauptgrund für die nur durch ganz geringe Kurseinbrüche unterbrochene Fortdauer der Aufwärtsbewegung an der New Yorker Börse während der letzten Monate bildet die unbestrittene Stärke der wirtschaftlichen Position der USA. Jeden Tag zeigen die veröffentlichten Gewinnergebnisse der großen amerikanischen Industrie- und Handelsgesellschaften die günstige Ertragsentwicklung. Sogar die Eisenbahngesellschaften, die lange Zeit durch eine unbefriedigende Ertragsentwicklung geplagt waren, weisen nun erfreuliche Gewinnergebnisse aus.

Der Markt ignoriert die Warnungen einer Anzahl von Wirtschaftsbeobachtern, daß der glänzende, nun 45 Monate andauernde Konjunkturaufschwung im Laufe des nächsten Jahres seinem Ende entgegengehen könnte. Vorläufig spiegelt Wall Street jedenfalls noch deutlich die herrschende Prosperität der Wirtschaft wider. In diese günstige Beurteilung der Wirtschaftsentwicklung mischen sich aber Befürchtungen vor einem wachsenden inflationistischen Trend, vor. dem sich die Anleger durch Käufe ihnen inflationsfest erscheinender Werte zu schützen suchen.

Rundherum stellt man sich in Wirtschafts- und Finanzkreisen die Frage, wie sich die neuen Tarifverträge in der Autoindustrie auf andere Industriezweige auswirken werden. Die Gewerkschaftsführer anderer Branchen sinnen bereits darüber nach, wie sie für ihre Mitglieder ähnliche Vorteile (künftige Lohnerhöhungen, bessere Sozialleistungen) herausholen können.

Inzwischen wirken sich bereits die neuen Tarifverträge einer Anzahl von Wirtschaftsbranchen preissteigernd aus. Preiserhöhungen einiger Rohmaterialien wirken gleichfalls kostenerhöhend. Die letzten Preissteigerungen betrafen einzelne Zweige der Maschinenindustrie, die Elektroindustrie, die Papierindustrie und neuerdings auch vereinzelte Stahlprodukte, wie besonders Stahlröhren. Als Präsident Johnson in dieser Woche durch seine Wirtschaftsberater erklären ließ, eine allgemeine Stahlpreiserhöhung erscheine nicht gerechtfertigt, da die Gewinnerträge der Stahlindustrie im laufenden Jahr um 29 Prozent über dem Vorjahrsstande lägen, erlitt die Börse einen kurzen Rückschlag der Kurse, da man sich Kennedys Vorgehen im Frühling 1962 erinnerte. Aber der Wiederaufschwung setzte rasch ein, weil man in Wall Street-Kreisen angesichts der bisherigen wirtschaftsfreundlichen Haltung Johnsons eine Reaktion gegenüber der Stahlindustrie im Stile Kennedys nicht erwartet.

Im ganzen gesehen stand die Börsentendenz in Wall Street in den Wochen vor der Präsidentenwahl im Zeichen der wirtschaftlichen Prosperität, die während der knapp einjährigen Amtsdauer Präsident Johnsons noch stärker zum Durchbruch kam als unter Kennedy. Die meisten Beobachter erwarten, daß die Tage nach der Wahl eine neue Johnson-Hausse bringen werden.