Dr. Martin Luther King, Pfarrer, Negerführer, Friedensnobelpreisträger dieses Jahres, hat in den letzten Monaten an einem Buch geschrieben. Es ist dem Thema gewidmet, das den 35 jährigen Amerikaner weltbekannt gemacht hat: der Gleichberechtigung von Schwarz und Weiß. Es entstand während seiner Bemühungen im Frühjahr und Sommer, schlichtend auf die Rassenkämpfe einzuwirken und Gewaltlosigkeit zu predigen. Aus dem Buch "Warum wir nicht warten können", das jetzt in New York erscheinen wird, veröffentlichen wir in dieser und der nächsten Nummer Auszüge.

Viele Amerikaner, die sich als Menschen guten Willens betrachten, fragen: "Was wird der Neger sonst noch erwarten, wenn er solche Rechte erlangt wie integrierte Schulen, Zugang zu öffentlichen Einrichtungen und Berücksichtigung beim Wohnungsbau? Wird er, wie Oliver Twist, noch mehr verlangen?"

In dieser Frage ist die erstaunliche Annahme enthalten, daß die Gesellschaft das Recht habe, mit dem Neger um die Freiheit zu feilschen, die ihm angeboren zugehört.

Die Zeit ist jetzt für unsere Nation gekommen, den entschlossenen Schritt in die Freiheit – nicht nur auf die Freiheit zu – zu tun, die eine längst überfällige Schuld an ihre farbigen Mitbürger begleichen wird. Die Frage ist nicht: "Was verlangt der Neger sonst noch?", sondern vielmehr: "Wie können wir die Freiheit für unsere farbigen Mitbürger wahr und wesentlich machen? Welcher gerechte Kurs wird die größte Schnelligkeit und Vollständigkeit sichern? Und wie können wir Opposition bekämpfen und Hindernisse überwinden, die aus den Fehlern der Vergangenheit entstanden sind?"

Besondere Maßnahmen sind nötig, um die Sache in den Griff zu bekommen, weil wir in der Entwicklung unserer Nation und des einen unter zehn ihres Volkes ein neues Stadium erreicht haben. Der Neger kämpft heute nicht für abstrakte, unbestimmte Rechte, sondern für die korrekte und unmittelbare Verbesserung seines Way of Life.

Was nützt es ihm, daß er in der Lage ist, seine Kinder auf eine integrierte Schule zu schicken, wenn das Familieneinkommen nicht ausreicht, ihnen Schulkleider zu kaufen? Was gewinnt er durch die Erlaubnis, in eine integrierte Umgebung zu ziehen, wenn er sich dies nicht leisten kann, weil er arbeitslos ist oder eine niedrig bezahlte Arbeit ohne Zukunft hat? Welchen Nutzen hat für einen Neger die Feststellung, daß er in integrierten Restaurants bedient oder in integrierten Hotels aufgenommen werden kann, wenn er an die Art finanzieller Knechtschaft gebunden ist, die ihm nicht erlaubt, Urlaub zu nehmen oder auch nur seine Frau zum Essen auszuführen? Neger müssen nicht nur das Recht haben, jede Einrichtung zu betreten, die für die Öffentlichkeit da ist, sondern sie müssen auch derart in unser Wirtschaftssystem absorbiert werden, daß sie sich die Ausübung dieses Rechts leisten können.

Der Kampf um Rechte ist im Grunde ein Kampf um Möglichkeiten. Indem er nach etwas Besonderem fragt, sucht der Neger nicht Wohltätigkeit. Er will nicht auf den Wohlfahrtslisten versauern. Er will nicht eine Arbeit bekommen, die er nicht bewältigen kann. Er möchte aber auch nicht gesagt bekommen, daß es keinen Platz gibt, wo er dazu ausgebildet werden kann, sie zu bewältigen. Es muß also mit gleicher Möglichkeit die praktische, realistische Hilfe einsetzen, die ihn instand setzt, sie zu ergreifen. Einem Menschen ein Paar Schuhe zu geben, der noch nicht zu gehen gelernt hat, ist ein grausamer Scherz.