Ihre Berufsbezeichnung ist Chefsekretärin – nicht Sekretärin des Chefs. Aber nicht nur, Weil Genitive aus der Mode gekommen sind, auch nicht allein, weil das zusammengezogene Wort rascher und praktischer zu gebrauchen ist, heißt die Dame im allerhöchsten Vorzimmer so. Das Wort Chefsekretärin hat mehr Glanz als die abhängige Konstruktion einer Sekretärin des Chefs.

Das "Chef" in diesem Wort scheint sich zudem nicht auf den Chef allein zu beziehen. In ihm klingt etwas mit, das offiziell darin gar nicht enthalten ist, das auch nicht zu den Pflichten und Rechten der höchsten Sekretärin gehört; daß sie auch die Chefin der anderen Sekretärinnen wäre.

Die Chefsekretärin gehört durch dieses Wort zu den Chefreportern, Chefdramaturgen, Chefpiloten, Chefsprechern. Glanz umgibt ihre Stellung, der Ab-Glanz vom Glanz ihres Chefs, und selbstverständlich besteht zwischen beiden eine Relation. Die Erhabenheit des Chefs bestimmt die seiner Sekretärin, und das mit gutem Recht. Sowenig sich Arbeit und Stellung des kleinen Chefs mit der des großen vergleichen lassen, sowenig, was ihre Sekretärinnen können und sein müssen.

Was eine Sekretärin können muß, ist lehrbar. Kann sie auch lernen, wie sie zu sein hat? Es scheint, daß die Zeit der Zufallsfunde vorüber ist. Wir berichteten vor Monaten in einer Reportage aus Bad Harzburg, daß Fachleute an die Möglichkeit glauben, die ideale Chefsekretärin züchten zu können. Ein Arbeitsgebiet der "Akademie für Führungskräfte in der Wirtschaft", Sitz in Bad Harzburg, ist die Weiterbildung von Chefsekretärinnen. Demnächst erscheint nun sogar ein umfangreiches Buch mit dem Titel: "Die Sekretärin und der Chef", das der Leiter der Akademie, Professor Dr. Reinhard Höhn, geschrieben hat.

Der Untertitel – "Die Sekretärin in der Führungsordnung eines modernen Unternehmens" – weist schon auf die doppelte Blickrichtung hin, die eine Chefsekretärin haben muß. Es genügt nicht, daß sie ihren aufmerksamen Blick auf den Chef richtet, sie muß auch von des Thrones Stufen auf das Unternehmen blicken, das dieser Chef regiert. Die Schreibmaschine ist für eine Chefsekretärin durchaus nicht das Wichtigste – sie selbst braucht sie oft nicht einmal mehr zu benutzen. Die Chefsekretärin ist von allen Sekretärinnen eines Betriebes am wenigsten eine Angestellte, der diktiert wird. Am wichtigsten ist ihre Arbeit, wo eben nicht diktiert wird, wo sie selbst zu denken und zu entscheiden hat. Aber wo darf sie selbst entscheiden und wo gar Einfluß nehmen?

Der "unzulässigen Beratung" des Chefs durch die Sekretärin räumt Professor Höhn ein ganzes Kapitel ein. "Es sind oft aktive und verantwortungsfreudige Sekretärinnen, die sich aus eigenem Antrieb mit Dingen beschäftigen, die sie nichts angehen und sich in der Beratung des Chefs in Fragen einmischen, für die sie gar nicht zuständig sind. Diese Sekretärinnen handeln in bester Absicht. Sie glauben wirklich, etwas Wesentliches sagen zu können, oder wollen den Chef vor einer ihrer Ansicht nach falschen Entscheidung bewahren. Die illegale Beratung des Chefs durch die Sekretärin ist ein ernstes Problem, das zugleich von großer Bedeutung für die tägliche Praxis ist und einer ausführlichen Behandlung bedarf."

Was alles darf die ideale Chefsekretärin nicht tun? Sie darf ihrem Chef nicht des Angestellten Meier Gesuch um Gehaltserhöhung mit den Worten vorlegen: "Der Meier hat es am wenigsten nötig." Sie sollte auch den Bewerber um eine Stellung, der sich dem Chef vorstellen will, nicht mit dem vertraulich geflüsterten Hinweis anmelden, er gefalle ihr nicht. Sie sollte, falls sie, bevor sie Sekretärin wurde, vielleicht ein wenig Psychologie studiert hat, dem Chef psychologische Beratungen ersparen und das besonders, wenn es darum geht, wie Kolleginnen oder Kollegen zu behandeln wären.