M. G., Köln

Ausgerechnet die Gattenmörderin Agrippina, Gattin des Claudius und Mutter des abscheulichen Kaisers Nero, hat im Jahre 50 n. Chr. dem später so "billigen" Köln, wo sie geboren ist, Namen und Stadtrecht verliehen. Doch die Fragwürdigkeit ihrer Namenspatronin juckt die Kölner nicht sehr. Sie sind stolz auf ihre römische Vergangenheit, und nie haben sie sich ihren alten Kolonialherren näher gefühlt als jetzt, da die Räumbagger in der Innenstadt immerzu neue Funde aus jener Zeit ans Tageslicht befördern.

Es begann damit, daß man 1941 beim Bau des Dombunkers das berühmte Dionysosmosaik freilegte, den kunstvollen Bodenbelag, den sich ein sinnenfroher Römer in den Speisesaal seiner Villa legen ließ. Nach dem Kriege fand man unter dem Dom sogar Reste eines römischen Tempels und ein fränkisches Grab. "Wenn mir jemand 1939, als ich von Berlin nach Köln kam, gesagt hätte, daß ich mal unter dem Kölner Dom graben würde, den hätte ich für verrückt gehalten", sagt Dr. Doppelfeld, der Direktor des Römisch-Germanischen Museums. "Damals war ja alles intakt und zugebaut." Nach dem Kriege aber war alles zerstört und mehr freier Raum als es sich ein Grabungsspezialist je hätte träumen lassen. Köln entpuppte sich zur Wonne der Fachleute als eine archäologische Fundgrube.

Als 1959 mit den Ausschachtungen für das neue Rathaus begonnen wurde, stieß man auf römische Mauerreste. Zwar war es nicht die "Ära ubiorum", der Freialtar und Versammlungsort des westgermanischen Reiches, wie man gehofft hatte, sondern "nur" ein römischer Palast. Kölns Chefarchäologe kämpfte mit allen Listen um die Erhaltung des kostbaren Fundes. Der Bau des Rathauses verzögerte sich, nicht gerade zur Freude des Rates, um ein halbes Jahr. Mit einem Kostenaufwand von rund einer Million Mark wurde das neue Gebäude über der Palastruine auf eine Betondecke gestellt. Inzwischen ist das Praetorium ("Mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit") eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges.

Seitdem kommen die Stadtplaner und Altertumsforscher nicht mehr zur Ruhe, und die Bauherren, die ihre Grundstücke im alten Stadtkern bebauen wollen, schwanken während der Ausschachtungsarbeiten ständig zwischen Furcht und Hoffnung. So schön und ehrenvoll es ist, auf eigenem Grund Relikte der Römerzeit zu finden – "Die Römer sind immer dabei ..." Die "Römer" sind in diesem Fall Doppelfeld und seine wissenschaftlichen Mitarbeiter, seine Grabungstechniker und der Stab wohlinstruierter Erdarbeiter. Überall dort, wo gebuddelt wird, sind sie wie Detektive zur Stelle. Ihrem Jubel über neue Funde folgt meist die beschwörende Bitte, das Gefundene auch zu erhalten.

So hat sich denn ein Zigarrenhändler an der Mauritiuskirche überreden lassen, ein Stück der auf seinem Baugrund gefundenen alten Stadtmauer als dekorative Ladenwand einzubeziehen. Ein Lederwarenhändler in der Gürzenichstraße stieß neulich auf einen etwa zwanzig Meter langen und 2,50 Meter hohen römischen Abwässerkanal. Zunächst wurde er ganz profan und seiner ursprünglichen Bedeutung entsprechend als komfortable Baustellenlatrine benutzt. Dann aber entschlossen sich Stadt, "Römer" und Bauherr, das altertümliche Gullikunstwerk als Sehenswürdigkeit zu erhalten. Unter den Fundamenten des Neubaus führt nun eine mit städtischen Mitteln gebaute Betontreppe in die Römerzeit.

Nicht immer sind die Erfolge der Wächter vom Römisch-Germanischen Museum ohne Schweiß – und Geld – errungen. Den Eigentümern entstehen erhebliche Unkosten, und nicht immer ist die Stadt in der Lage, den Bürgern ihren Sinn fürs Historische mit öffentlichen Beihilfen zu lohnen. Manchmal, wie etwa im Fall eines neuerbauten Miederhauses, wo man ein römisches Kellergewölbe gefunden hatte, konnten Bauherr und Architekt aufatmen: Die "Römer" hatten den Fund nicht für erhaltenswert erachtet.